Vorwürfe

Deswegen sagen Vorwürfe so viel über dich selbst aus

Vorwürfe: Die womöglich destruktivste Art, jemandem mitzuteilen, was einen stört. Vor Ghosting. Jemand handelt entgegen den Erwartungen – und das ist zum Kotzen. Aber wir sollten einmal die Sichtweise ändern. Dazu, was Anschuldigungen eigentlich mit uns selbst zu tun haben. 

Ein Experiment. Mach kurz die Augen zu und überlege. Fällt dir gerade eine Person ein, der du Vorwürfe machen willst? Jemand, der es richtig verkackt, dich enttäuscht oder geblendet hat?

Dann ist dieser Beitrag etwas für dich – weil du damit wahrscheinlich mehr über dich selbst lernen wirst als über den Grund deines Grolls.

Wir sind nicht gerne Schuld

Das Dumme an Vorwürfen ist Folgendes: Alle sind sich einig, dass man sie nicht hören will. Aber die wenigsten weigern sich, sie anderen an den Kopf zu werfen.

Es liegt in unserer Natur. Wir sind nicht gerne schuld an Dingen. Wir waren nicht gerne die Person, die im Kino laut gerülpst hat. Wir wollen nicht mit dem Finger auf uns zeigen, wenn der Streit mal wieder eskaliert ist.

So ist irgendwie auch der Vorwurf entstanden. Auf den anderen zu zeigen entlastet das eigene Gewissen enorm. Denn nun müssen wir uns nicht mehr selbst mit dem Problem auseinandersetzen.

Wir wälzen es auf unser Gegenüber ab. Wenn wir dann auch noch eine triftige Anschuldigung in der Hand haben, haben wir zwei Fliegen mit einer Klatsche erledigt.

Die Sache hat nur folgende Haken: 1. Vorwürfe helfen nicht dabei, Probleme zu lösen. Jeder hat es am eigenen Leib erfahren: Die Früchte, die wir davon ernten, sind latente Aggression und Resignation. 2. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf das Gegenüber. Wo doch viel interessanter ist, woher diese Regung eigentlich bei dir entstanden ist!

Konstruktive Kritik oder negative Projektion?

Uns dürfen Dinge an anderen Menschen stören. Wir müssten alle blind und taub sein, damit das nicht so ist. Wir dürfen unsere Meinung sagen. Wir dürfen ausdrücken, wenn uns etwas anpisst. Wir dürfen unsere Wünsche äußern. Das nennt man konstruktive Kritik.

Konstruktive Kritik minus Geduld minus Reflektion ergibt dann leider besagten Umstand: Wir schuldigen jemanden an. Für etwas, das nicht unseren Erwartungen entspricht. Und dafür müssen wir ihn/sie maßregeln.

Du rufst nie zurück. Du nimmst mich nicht ernst. Du trägst nie den Müll herunter.

Ob das beim Partner ist, den Eltern, den besten Freunden. Wir haben ein Problem und wollen es ausdrücken. Das eigentliche Problem aber rückt dabei in den Hintergrund.

Unser Gegenüber ist höchstwahrscheinlich mental längst ausgestiegen. Was ja auch klar ist. Denn wir mögen es doch nicht, schuld an etwas zu sein. Wir machen sofort dicht.

Ich-Botschaften

Effizienter ist es deswegen, wenn wir von uns ausgehen. Was passiert in uns? Welche Regungen? Warum? Ich-Botschaften sind das neue „Make Love not War“.

„Ich bin frustriert, wenn ich jeden Tag alleine den Müll rausbringen muss“ klingt anders als „Du Sau, du bringst nie den Müll raus!“

Es ist eine psychologische Sache. Für dich und mit Sicherheit noch mehr für die Sau, die den Müll mal wieder nicht rausgetragen hat. Wenn du also kurz davor bist, jemandem einen Vorwurf zu machen, denk an diesen Teil. 

vorwürfe gehen tiefer

Damit klärt sich alles, oder? Ich- anstatt Du-Botschaften. Wärme und Humor anstatt Groll und arktische Blicke. Die Lösung aller Konflikte.

Die Sache mit den Vorwürfen geht leider noch tiefer.

Schwierig wird es nämlich, wenn wir uns über das Verhalten von Menschen aufregen und sie kritisieren – obwohl diese Vorwürfe in Wahrheit vor allem unser eigenes ungelöstes Problem darstellen. Oder unser eigenes unerwünschtes Verhalten betreffen.

Wo ist das häufchen?

Wir regen uns zum Beispiel auf, dass unser Gegenüber keine Selbstdisziplin hat und reagieren überaus emotional. Vielleicht aber haben wir genau mit unserer eigenen Selbstdisziplin ein Problem.

Oder wir sind extrem überdiszipliniert und wünschten uns, mal etwas freier und lockerer sein zu können – so wie unser Gegenüber. Und das lassen wir ihn/sie spüren.

Wir werfen jemandem vor, von ihr/ihm nicht ernst genommen zu werden. Aber vielleicht haben wir Schwierigkeiten damit, uns selbst 100% ernst zu nehmen.

Warum sonst reagieren wir so aufgebracht? Zweifelten wir nicht an unserem Stand, würde uns dieses Verhalten nicht einmal jucken. 

diese unangenehme Selbstauseinandersetzung

Wir kritisieren Eigenschaften, Muster und Benehmen von anderen, die in Wahrheit mit uns selbst zu tun haben.

Zeigen mit dem Finger von uns weg, damit wir der unangenehmen Selbstauseinandersetzung aus dem Weg gehen können. Das ist schlecht. Aber birgt auch eine richtig gute Chance.

Nehmen wir den Vorwurf weg vom anderen und lenken ihn auf uns, erkennen wir uns selbst. Und damit noch mehr Möglichkeiten, persönlich zu wachsen, stärker und mutiger zu werden.

Dich ärgert es tierisch, dass du nicht ernst genommen wirst? Dann tu etwas dafür, dich selbst zu ehren. Je größer das Defizit, desto anfälliger bist du, Vorwürfe persönlich zu nehmen und selbst auch Vorwürfe zu verteilen. 

Licht im Dunklen

Dieser Ansatz rückt vieles in ein neues Licht. Denn die einzige Einstellung, auf die wir aktiv Einfluss haben, ist unsere eigene.

Natürlich müssen wir nicht immer einer Meinung sein, Wie langweilig wäre das Leben, wenn jeder alles richtig machen würde.

Ich-Botschaften und eine ordentliche Prise Selbstreflektion können Anschuldigungen in etwas verwandeln, mit dem man arbeiten kann.

Das gilt nicht nur für die Person, die den Vorwurf hegt. Sondern auch für den Empfänger. Reflektion ist der Schlüssel. Wenn dir jemand mitteilt. dass er/sie frustriert über die Müllgeschichte ist, dann ist das eher weniger eine negative Projektion. In dem Fall sieh es ein – und bring ihn einfach runter.