Warum 2020 doch nicht so ein Arschloch ist

Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen. – Konfuzius, PS: Wink mit dem Zaunpfahl. 

Wäre das Jahr 2020 eine Person, würde der Großteil von uns wohl auf sie einprügeln wollen. Dank 2020 litt unsere Arbeit, unser langersehnter Urlaub, jegliches Vorhaben, das auch nur ansatzweise Körpernähe involvierte – und nicht zuletzt die Zuversicht, dass die Welt nicht untergehen wird.

„2020 is a dumpster fire“, “2020 every second: But wait, there’s more“. Die hyper-kreativen Memes untermauern und toppen sich gegenseitig, genauso wie die Menschen, die sie zustimmend re-posten.

Während 2020 uns mit dunklen Nachrichten im Tayfunstil beschenkt und irgendwie den Rachen nicht vollkriegt, heißt es aktiv für uns: Verzicht, Verzicht, Verzicht.

Und was passiert, wenn du einem Kind mit Babyspeck vorschreibst, die Finger von der Schoki zu lassen? Es kräuselt die Lippen zu einem Schmollen – und will doppelt und dreifach reinhauen.

Pessimismus ist dieses Jahr daher so angesagt wie Beige-Töne im Herbst. Warum auch optimistisch sein?

2020 – Was passiert gerade?

Aber Moment. Wir müssen rekapitulieren. Halten wir kurz inne.

Ein Teil in uns muss das Kind mit Babyspeck sein, denn es hat Recht zu schmollen. Aber wie sagte Aristoteles: „Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel richtig setzen“.

Was passiert eigentlich gerade? Was will uns 2020 sagen – jetzt, wo alles anscheinend im Chaos versinkt?

Ich frage mich: wenn 2020 eine einzige krise ist, wie gehen wir aus der ganzen Sache heraus?

2020 hat uns die Kontrolle aus der Hand gerissen. Und wir hassen es, Kontrolle zu verlieren. Blödes 2020. Lief doch alles super, wir befanden uns im Eifer des Gefechts, im Rausch der Überzeugung, auf unserem eigenen intergalaktischen Trip.

Es ging darum, die Grenzen auszureizen – nur noch ein kleines bisschen mehr, die Welt packt das schon. Ich pack das schon, wir alle packen das.

Es ist notwendig, dem betrunkenen Fahrer das Lenkrad aus der Hand zu reißen. Nur fühlt es sich für uns an wie der große, böse Mittelfinger direkt ins Gesicht. Wir sind geschockt, wie gelähmt. Die Erde entfremdet sich, wendet sich gegen uns.

Zu was uns Veränderung zwingt

Tut sie nicht. Sie befindet sich in einem mächtigen Wandel. Und wir alle sind live dabei. Wir alle spüren es mehr als je zuvor. Veränderung ist unangenehm. Sie zwingt uns, unsere Erwartungsmuster zu überdenken, sie zwingt uns zu neuen Wahrnehmungen, einer neuen Wahrnehmung von uns selbst. Veränderung ist verdammt unangenehm. Anfangs.

Drei Fakten über Veränderung: 

  1. Wieso verändern sich Dinge? Sie müssen anders werden, meist weil sie davor scheiße waren. Auch wenn wir das vorerst nicht einsehen wollen.
  2. Wir haben Angst vor Veränderungen, da sie auf eine ungewisse Zukunft hindeuten. Wir können nichts dafür, es ist einfach unser Urinstinkt.
  3. Der Aha-Moment folgt weitaus später.

Vielleicht ist es zu früh, einen Text dieser Sorte zu schreiben, da wir gerade mitten in der Sache stecken. Aber unser Aha-Moment wartet hinter der Tür, Wir müssen sie öffnen und endlich Verantwortung übernehmen.

2020 – ein positiver Tritt in den Arsch

Durch Corona saßen wir daheim und bangten um die Zukunft, bangen noch immer, Aber etwas tat sich in unseren Köpfen. Wir atmeten. Wir dachten nach, strukturierten um, betrachteten Dinge neu. Weil wir mussten.

Plötzlich waren wir politisch engagiert, zeigten uns solidarisch, standen füreinander ein. „Ich als einzige Person kann doch eh nichts ändern“, zog als Ausrede nicht mehr.

erkenntnisse in einem Jahr

Black Lives Matter, Buschbrände in Australien und Kalifornien, Belarus, der Amazonas, Proteste, Randalen, Tote, das alles darf nicht umsonst passieren. Uns geht langsam das Licht an.

Manchmal ist es der Bruch mit unseren Routinen, mit unserer gewohnten Umgebung. Oft ist ein Mittelfinger ins Gesicht genau das, was wir brauchen.

Unsere anfängliche Lethargie mutierte in Panik über das Nichtstun – und wandelt sich jetzt in Ideen um, Innovationen, Motivationen. Die Krise ist da, jeder spürt sie hart. Aber sie ist nicht umsonst da.

Das Neue Normal

Sie legt den Hebel um. Auf Status normal. Ein neues Normal. Verzicht Verzicht Verzicht bedeutet nicht Verlust. Quarantänen, Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen haben dafür gesorgt, dass wir die Fenster in unserem eigenen Heim geöffnet haben, einatmeten, wertschätzten, was so selbstverständlich wirkte. Protest und Aufruhr haben dafür gesorgt, dass wir Verbindungen neu organisierten, unsere Augen öffneten.

Im Chinesischen setzt sich das Wort Krise aus den beiden Schriftzeichen zusammen: Gefahr und Chance. Eine Krise ist temporär. Die Erkenntnisse, die wir daraus ziehen, hält im besten Fall für immer.

Ich möchte in keinster Weise den Schmerz herunterspielen, der im Zuge dieses Jahres einherging und unabsehbar -geht. Der eine muss ihn härter spüren als der andere – daran lässt sich nichts Schönes abgewinnen.

Eine Geschichte für die Zukunft

Aber jede tiefe Krise hinterlässt uns eine Geschichte. Einen Styleguide für die Zukunft. Einen Aha-Moment. Diesmal betrifft es die ganze Menschheit.

Die Geschichte, die 2020 uns hinterlässt, sind musizierende Menschen auf den Balkonen, Delfine in den Kanälen Venedigs, Fäuste in der Luft, Mut, Solidarität, Besinnung, Wertschätzung. 2020 mag ein Arschloch sein, wer weiß, wie lange noch. Aber es lenkt uns in eine Richtung, die mehr als überfällig war.