Warum es gut ist, jemanden zu vermissen

Jemanden zu vermissen fühlt sich an wie Honig – schmeckt zwar zuckersüß, aber klebt wie Sau. Was daran soll gut sein?

Es war auf einem riesigen Feld irgendwo in Vermont, als ich das erste Mal das Gefühl hatte, meine Sehnsucht sprengt mir gleich den Brustkorb auf. So schlimm hatte ich noch nie jemanden vermisst. Seit etwa sieben Monaten hielt ich mich in den Staaten auf und war gerade auf einer Farm in Shelburne.

Miserable Internetverbindung, mehr Ziegen und Hühner als Menschen, keine Cafés, keine Clubs, keine Ablenkungen, um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen.

Der ideale Ort also, um in Selbstmitleid zu versinken, Jeden Tag wanderte ich dieses riesige Feld ab und irgendwie war es ironisch. Das penetrante Grün um mich herum sprießte vor Vitalität – während ich in meiner grauen Rolle als Frau Melancholika zerschmolz.

Ein Sorbet-Eis in der Sonne

Jeder vermisst. Eine Erinnerung, einen Ort, einen Gegenstand, Gerüche, Blicke, Geschmäcker. Der eine vermisst mehr, der andere weniger. Mal ist das Vermissungsobjekt mehr real, mal weniger.

Aber hast du schonmal jemanden so sehr vermisst, dass du physische Schmerzen davongetragen hast? Dass du in einer Sekunde wie ein Sorbet-Eis in der Sonne zerfließen und in der nächsten irgendwen verprügeln wolltest?

Dann ging es dir wie mir auf meinen Melancholiespaziergängen in Vermont. Gratuliere. Du hast das Next Level erreicht. Du bist Teil eines Privilegs. Denn so beschissen es sich anfühlt, jemanden zu vermissen: Es bringt etwas ganz Besonderes mit sich.

Ich frage mich: Wie kann man dem vermissen etwas gutes abgewinnen?

Ehrlich gesagt habe ich lange gebraucht, bevor ich verstehen konnte, dass jemanden Vermissen Vorteile mit sich bringen könnte.

Denn ein großer Faktor, wenn man an mehreren Orten auf der Welt zuhause ist: Du vermisst immer jemanden, egal wo du dich aufhältst. Das ist wie Mückenstiche behandeln. Wanderst du mit deinen Fingernägeln zum nächsten, juckt der erste schon wieder. In meinem Fall ist konstant Mückensaison.

Dementsprechend musste ich mich mit dem Thema befassen. Ich begann damit, das Wort „vermissen“ nachzuschlagen. Der Duden beschreibt es als:

1. Sich mit Bedauern bewusst sein, dass jemand, etwas nicht mehr in der Nähe ist, nicht mehr zur Verfügung steht, und dies als persönlichen Mangel empfinden.
2. Das Fehlen von etwas bemerken
Zwei Ansätze, die nicht besonders erquickend klingen. Das Fehlen von etwas zu bemerken ist selten eine angenehme Eingebung. Diese Definitionen beschreiben aber lediglich den Ursprung. Was löst es aus, wenn dir mit Bedauern bewusst wird, dass jemand oder etwas nicht mehr in der Nähe ist?

Klarheit

Du wirst dir über deine Gefühle klar. Wir vermissen niemanden, den wir nicht in unser Herz geschlossen haben. Wir sehnen uns nicht nach Zeiten zurück, die uns Schauer über den Rücken jagen. Jemanden zu vermissen ist wie gereiftes Schubladendenken. Das Herz entscheidet, in welches Abteil es geht.

Wertschätzung

Die ganze Zeit habt ihr gestritten, konntet euch nicht ausstehen, wolltet einander einfach loswerden. Dann folgt die Distanz (die ihr kaum erwarten konntet). Aber ein Strich zieht sich durch eure Rechnung. Der Groll verflüchtigt sich kontinuierlich, wie Staub in einem Raum, bei dem man das Fenster öffnet. Der Blick wird wieder klar. Und je länger ihr euch nicht seht, desto deutlicher werden die Punkte, weshalb ihr eigentlich doch zusammengehört. Sei das der Partner, beste FreundInnen oder die Familie. Distanz kann Wunder bewirken. Und Wertschätzung auf ein anderes Level heben.

PS: Das ist wohl der Grund, warum Ex-FreundInnen zeitweise wieder interessant werden. Bis Puncto Klarheit wieder greift – im Idealfall.

Raritäten feiern

Bares für Rares. An den Punkt der Wertschätzung geknüpft folgt die Konsequenz des Vermissens: Kommst du mit der Person wieder zusammen, nach der du dich schmerzlich gesehnt hattest, ist es, als hätte man dir eine Ahoj-Brause in dein schales Wasser geschmissen. Das Wiedersehen mit einer vermissten Person wird zur spritzigen Rarität – und Rariäten feiern wir mehr.

Lektionen, die einem das Vermissen beibringen

Jemanden zu vermissen vergegenwärtigt uns die wichtigen Dinge im Leben. Es lehrt uns Wertschätzung und macht das Wiedersehen zu einem Fest. Vielleicht sind es also doch Schmetterlinge in deinem Bauch und nicht Bienen, die dich seekrank machen. Alles eine Frage der Perspektive.

Denke ich im Nachhinein über die Zeit auf der Farm in Amerika nach, war sie vermutlich einer meiner wichtigsten Lektionen im Leben.

Nummer 1: Wenn du mutterseelenallein auf dieser Erde bist, hast du nur noch dich selbst. Also freunde dich gefälligst mit dir an.

Nummer 2: Sehnsucht zu haben ist ein bittersüßes, mächtiges Gefühl – und hält die Emotionenwelt immer schön spannend.

Das Bittersüße am Vermissen

Was ist aber, wenn du dieses mächtige Gefühl nicht durch ein Wiedersehen stillen kannst?  Was ist, wenn die Person, die du vermisst – deren Stimme, Geruch, Wesen – nicht mehr unter uns weilt? Naja, das ist eine ganz andere Sache.

Letzten Winter habe ich einen Lebenscompagnon verloren. Mein Opa hat sich ins Paradies verabschiedet. Die Sehnsucht nach seinem Wesen lässt mich noch immer nachts aufwachen. Sorbet-Eis in der Sonne trifft es wie aufs Auge.

Es ist ein hässliches Gefühl, aber ich merke, wie es vom Egoismus angetrieben wird. Denn mein Opa hat jetzt die beste Zeit, die man sich vorstellen kann. Und ich muss mich wieder darauf berufen, auf was es beim Vermissen ankommt: Ein wenig in Selbstmitleid zu zerfließen, aber die Schubladen im Griff zu haben.

Wenn wir niemanden und nichts vermissen würden, für was wären dann all die Erinnerungen, die wir sammeln?

Ich erinnere mich an die schönen Zeiten zusammen. Und es ist wie Honig: Ja, klebt wie Sau, aber schmeckt gleichzeitig zuckersüß.