20er 30er

Sind die 30er die coolen 20er?

Noch einmal Schlafen, bis ich 27 werde. Damit bin ich nicht mehr wie mit 26 nur ein Jahr vom ersten Viertel des Lebens entfernt, sondern steuere offiziell auf die 30 zu. Ich bin hin- und hergerissen. Soll ich mich jetzt Hot oder Schrott fühlen?

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich mich auf die 30er freue, folgt eine merkwürdige Reaktion. Es ist wie, wenn eine Frau sagt, sie wolle keine Kinder oder ein Mann behauptet, er sei glücklich in seinem unterbezahlten Job. Die Blicke werden skeptisch. Man fragt sich nämlich, ob diese Person gerade Luftschlösser baut, um eine unvermeidbare Situation schönzureden. So wie in meinem Fall. Ich freue mich auf die 30er. Aber sage ich das, weil es unvermeidbar ist? Können die 30er so cool sein wie die 20er?

All den Bockmist dieser Welt 

Die Zwanziger sind eine Odyssee. Meine amerikanische Gastmutter predigte mir immer: Deine Zwanziger sind dafür da, all den Bockmist dieser Welt zu bauen. Mach Fehler. Sei inkonsistent. Hab Spaß, ohne groß über die Konsequenzen nachzudenken. Und genau das tat ich dann.

Ich baute Bockmist, war ungefähr so konsistent wie Britney Spears‘ Psyche, hatte Spaß ohne Ende, liebte und lebte, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Ich probierte Neues aus, ergötzte mich an meiner unstillbaren Reiselust und änderte zirka alle 20 Minuten meine Ansichten übers Leben. So bildete sich eine Kette an emotionalen Aufs und Abs, die mich von einem ins nächste Extrem manövrierten. Ein herrlich-verstörendes Gefühl.

Das ändert sich nach sechs konsistent inkonsistenten Jahren dann. Theoretisch befinde ich mich noch drei Jahre in meinen Zwanzigern. Aber schon jetzt sehe ich, wie mir die 30er von der Nachbarstür zuwinken. Und sich Fräulein Adoleszenz mit Gemütlichkeit in mir ausbreitet. Ich finde beispielsweise keinen Gefallen mehr daran, eine ganze Nacht durchzumachen, um ein paar Stunden mehr im Club abzuschwitzen. Oder auf Busfluren zu schlafen, um möglichst billig von A nach B zu gelangen. Oder ständig neue Leute kennenzulernen auf irgendwelchen Stadtfesten. Oder alle 20 Minuten meine Ansicht übers Leben zu ändern. Das Nachbarhaus wirkt irgendwie sympathisch auf mich.

Auf der Schwelle zu den 30ern

Also gehe ich davon aus, dass ich mich auf die 30er freue. All die Dinge, die sich in den 20ern als versteckte Lernprozesse in dein Gesicht werfen, verpuffen in dieser Dekade. Das höre ich zumindest von meinen Freunden, die die Schwelle bereits überschritten haben. Person X und Y mögen dich nicht? Umso besser, dann musst du dich mit weniger Menschen im Bekanntenkreis herumschlagen. Du hast Angst vor langweiliger Routine im Leben, willst lieber jeden Tag ungewiss und spontan starten? Denk darüber nach, wie angenehm es sein kann, wenn dein Alltag sich nicht wie ein ADHS-Kind benimmt. In meinen Vorstellungen sind die 20er der neugierige, hektische Toyboy und die 30er der erfahrene, eingespielte Lover.

Und doch hat die ganze Sache einen bitteren Nachgeschmack. Sonst hätte ich wahrscheinlich niemals diesen Blogbeitrag begonnen. Der Nachgeschmack beruht auf erfahrungsbasierten Damals-Aussagen wie: „Damals konnte ich die Wände hochlaufen und drei Tage hintereinander feiern gehen. Heute werde ich schon beim Dinner mit Freunden müde.“

Oder: „Damals konnte ich noch 12 Sandwiches hintereinander futtern und habe keinen Gramm zugenommen. Heute schaue ich ein Stück Lasagne an und kann gleich die Treppen herunterrollen“. Interessanterweise vernehme ich diese Aussagen besonders von denjenigen, die wie ich die Nachbarstür im Blick, aber die Schwelle noch nicht überschritten haben. Ende 20 ist eine wirklich interessante Zeit.

Der böse, böse Alterungsprozess

Unsere Gesellschaft spielt hier keine nebensächliche Rolle. Denn seien wir mal ehrlich: Es herrscht eine universale Abneigung gegen das Altern. Hast du ein graues Haar entdeckt, kann es nur noch schlimmer werden. Fühlen sich deine Wangen elastischer als noch vor einem Jahr an, treibt er schon unumgänglich sein Unwesen in dir – der böse, böse Alterungsprozess.

Der böse, böse Alterungsprozess sagt dir jetzt, dass du schnell Kinder werfen sollst, bevor es zu spät wird und du es bereust – während du dir eigentlich ausmalst, wie du deine Karriere aufpimpen und welchem Hobby du als Nächstes nachgehen wirst. Viele meiner Freunde sind mittlerweile verheiratet. Viele haben sogar schon Nachkommen gezeugt. Sie halten ihre Babys im Arm und haben Pipi in den Augen vor Glück. So würde es mir sicher auch gehen – außer, dass ich Texte zeuge und Pipi in den Augen habe, wenn ich mit meinen Cousinen über sinnfreien Scheiß lache.

Ein All-Inclusive-Büffet der Gefühle

Ich habe großen Respekt vor diesen Freunden. Sinnbildlich stehe ich selbst nämlich hungrig an einem All-Inclusive-Hotel-Büffet in Antalya und frage mich: Zuerst die Vorspeisen, dann Fisch, etwas Fleisch und danach eine Runde Baklava? Oder doch alles gleichzeitig? Nur herzhaft? Nur süß? Bin ich eigentlich gegen irgendetwas allergisch? Was ist, wenn ich die Entscheidung bereue? Wieso platzt mein Gehirn gleich? Die Zwanziger sind das Büffet der tausend Möglichkeiten, durch die wir uns mehr oder weniger epileptisch durchfuttern müssen. Um eine gewisse Coolnes zu erlangen. In den 30ern hat man dann bereits herausgefunden, dass man aufgrund der Laktoseintoleranz fern vom Käsekuchen bleiben sollte.

Nein, ich stehe zu meiner Meinung. Ich bin nicht mehr das Früh-20-jährige Küken, dass seine Ansichten alle 20 Minuten ändert. Ich freue mich auf die 30er. Klar, die 20er sind unersetzbar. Und ja, Zeit ist vergänglich, genauso wie unsere Körperzellen. Aber wie unsere Psyche bei Vergänglichkeit eben so spielt, trauern wir solchen Dingen besonders gerne nach. Von diesem Zug springe ich ab. Die Verwirrung am All-Inclusive-Büffet genieße ich noch in vollen Zügen, doch freue mich sehr auf zukünftige Coolness bei süßen oder sauren Entscheidungen.