türkischer Joghurt Yogurt

Türkischer Joghurt über alles

Joghurt über alles – damit meine ich die Priorität und gleichzeitig all die Gerichte, über die wir diese weiße, cremige, perfekte Masse gießen können. Eine Liebeserklärung an ein Lebensmittel, das über (Bakterien-) Kulturen hinausgeht. Aber mal ehrlich: Was wäre ein waschechter Türke ohne seinen Joghurt, im besten Fall mit einmal extra Knoblauch bitteschön?

Türken lieben Joghurt. Cremig, fluffig, am besten aus dem Eimer. Ich kenne sehr wenige Landsmänner, deren Augen bei Süzme Yoğurt, der besonders cremigen Variante, nicht aufleuchten wie Baumschmuck – laktoseintolerant oder nicht.

Warum aber hauen wir immer Joghurt auf unser Essen? Diese Frage höre ich sehr oft und obwohl ich prinzipiell gegen Pauschalisierungen bin, neige ich meinen Kopf wie Detektive Conan und stelle fest, dass dem tatsächlich so ist. Nach dem Motto, scher mich nicht über einen Kamm, aber ja, her mit dem Eimer, auch wenn er eigentlich überhaupt nicht zum Gericht passt.

Ayran fürs Volk

Joghurt ist tief verankert in der türkischen Kultur. Er ist so verankert, dass er sich sogar in türkischen Sprichwörtern wiederfindet: „Her yiğidin bir yoğurt yiyişi vardır“ beispielsweise bedeutet soviel wie: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“.

Du kannst Joghurt offensichtlich und ohne Rücksicht auf Verluste auf jedes erdenkliche Essen klatschen. Joghurt auf Reis, Joghurt auf Nudeln, Joghurt auf Spiegeleiern, Fleisch, Brot und Gemüse. Joghurt geht mit viel Knoblauch oder als Suppe, als Sauce für den Dürüm, mit Honig garniert oder in flüssiger Form als Joghurtgetränk Ayran.

Ayran kennt jeder. Es ist mittlerweile zum universalen Nummer 1 Getränk nach harten Partynächten mutiert. Egal, wie viel du gesoffen hast, die salzige Medizin im Plastikbecher saugt dir den Alkohol heraus wie Kochsalzlösung im Krankenhaus. Also im schlimmsten Fall nachts zu Dilan Kebap, damit es daheim auch keinen Anschiss gibt,

Die Wunderwaffe Joghurt

Nicht nur ein Suff verdeutlicht den gesunden Aspekt dieses Lebensmittels. Schon als Kind bläute mir meine Oma ein: Iss schön immer Jogurt mit dem Essen. Joghurt macht dich größer, stärker, schlauer und schöner. Ich frage mich, wie entstellt mein Körper heute aussehen müsste, hätte ich nicht immer brav Joghurt gegessen.

So ganz erfunden ist das nicht, Naturjoghurt enthält Kalzium, Eiweiß und Vitamin B und ist aufgrund seiner Bakterien-Kulturen gut für den Darm – vorausgesetzt, er ist nicht wärmebehandelt (pasteurisiert), da nur so die Milchsäurebakterien erhalten bleiben.

Yoğurt sei Dank

Ob arm oder reich, bei Fikret zuhause oder in dramatischen Serien: Joghurt findet sich irgendwie auf jedem türkischen Essenstisch wieder. Wusstest du, dass das Wort Joghurt sogar aus dem Türkischen stammt? Ja, der Joghurt selbst soll seinen Ursprung in der Türkei haben.

Yoğurt heißt übersetzt so viel wie „gegorene Milch“. Der Sage nach haben die Türken ihre Milch in Kameltaschen verfrachtet, die durch das Hin und Her auf den Kamelen und durch die Hitze zu Joghurt wurden. Den Höckertieren sei Dank müssen pure Nudeln heute nicht bocklangweilig schmecken.

Wie Pfeffer auf Spätzle

Yoğurt ist demnach nicht nur gut nach dem Suff, macht größer, stärker, schlauer und schöner. Yoğurt ist auch noch unheimlich praktisch. Wozu eine Sauce Béarnaise? Einfach den Eimer aus dem Kühlschrank und gib ihm.

Ein weiterer Vorteil ist der Kühlfaktor von Yoğurt. Der Reis ist zu heiß? Du verbrennst dir die Zunge an Pommes? Einfach den Eimer aus dem Kühlschrank und gib ihm. Die gleiche Liebesgeschichte können wir bei Essen erzählen, das langweilig wie Haferkleie in Oliver Twist schmeckt, Einfach den Eimer aus dem Kühlschrank – und gib ihm.

Es verhält sich wie Pfeffer auf Spätzle, Limettensaft auf Tacos, Sojasauce auf Sushi oder Chili auf Reis und Bohnen. Pur? Langweilig. Mit geschmacklichem, urvertrautem Kick? Ahaa.

Türkischer Joghurt Yogurt
Joghurt mit ein wenig gefüllter Kartoffel

How to make Yoğurt

In der Türkei hat mir mein Opa beigebracht, wie man echten Yoğurt selbst herstellt. In einem gelb verfärbtem Topf mit 70er-Jahre Blumendekor kochte er zuerst Milch auf und schöpfte, nachdem sie etwas abgekühlt war, die obere Fettschicht ab. Das war der Rahm, oder im Türkischen das Kaymak. Doch darauf konzentrierte ich mich nicht, da mir beim Fettanblick latent schlecht wurde. Zum Messen der Temperatur benutzte er seinen überdimensionalen Zeigefinger an der Milchoberfläche und ich war verblüfft, wie er den perfekten Grad erfühlen konnte. Ich fühlte warme Milch. Oder war sie doch schon lauwarm?

Anschließend wickelte er den Retro-Topf in eine Power-Ranger-bedruckte Fließdecke aus unserer Kindheit ein, stellte ihn in ein Eck und legte ein Kissen darüber. „Damit dem Topf schön warm ist“, so mein Opa. Draußen hatte es zirka 32 Grad. Am nächsten Tag öffneten wir den Topf gemeinsam und Magie breitete sich im Raum aus: Schnittfester, cremiger, perfekter Yoğurt. Darauf ein Halay-Tanz!

Die Sage vom Maya

In null Komma nichts war der Topf leer. Aber wehe, du lässt keinen Yoğurt-Rest übrig! Dieser Rest heißt im Türkischen Maya und ist für viele Yoğurt-Experten lebensnotwendig, zumal er die nächste Ladung ermöglicht. Wie Hefe beim Brotbacken verwendet man ihn weiter. Du kannst zwar normalen Naturjoghurt von Aldi zum Selbermachen hernehmen. Doch der Rest vom selbstgemachten Yoğurt ist natürlich ein anderes Level. Angeblich überdauert so manch ein Yoğurt-Rest Jahre in einer Familie. Aber das ist wieder eine türkische Hausfrauen-Sage.

Türkischer Joghurt Yogurt
Spiegelei mit Spinat und extra viel Joghurtsauce

 

Joghurt ist König – und das nicht nur für Türken. Es gibt ihn überall und in immer ausgefalleneren Variationen: Von Vollfett über Halbfett zu Mager. Von Mandel-, Soja- oder Kokosbasis, als Massenware bei Penny oder im eleganten Weckglas im Bioladen. Aber am Ende ist es wie mit Barbie. Das schlichte Original siegt immer. Am geilsten schmeckt er einfach cremig aus dem Eimer im türkischen Supermarkt. Gutes Raufhauen!