Call of Duty während Corona und Social Distancing

Call of Corona: Bangst du noch oder zockst du schon?

Im Büro nix mehr zu tun, kein Fitness, kein Abhängen mit den Jungs. Stattdessen Fallschirmsprünge aus grafisch hochauflösenden Militärflugzeugen, fiktionale Schlachtfelder und Soldatenteams in vollem Einsatz. Der Ego-Shooter Call of Duty feiert gerade in der Corona-Zeit seine absolute Prime Time. Wie sehr man sich in diese ganze Sache hineinsteigern kann, wurde mir beim aktuellen Familienbesuch in Bayern bewusst…

In der Coronakrise sind Computer-Spiele richtig am Boomen. Sogar die WHO hat eine für ihre Anti-Einstellung zu Video Games untypische Botschaft verkündet: Wer sich während der Ausgangsbeschränkung einsam fühlt, soll sich doch einfach Online zum gemeinsamen Spielen treffen. Ihre „Play Apart Together“ Kampagne soll soziale Kontakte trotz Covid-19 ermöglichen und macht Zocken zum salonchicen Hobby – denn das geht jetzt mit all den Liebsten zusammen, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Ist super, davor musste man sich nach einer halben Stunde Online Gaming schon schlecht fühlen oder galt bei bisschen zu viel Angry Birds als eventuell suchtgefährdet. Davon ist jetzt irgendwie keine Rede mehr.

Ein persönlicher Call of Duty 

Wie komme ich überhaupt auf dieses Thema? Seit einer ziemlich exzessiven Sims-Phase in meinen Teenagerjahren, auf die ich nicht besonders stolz bin, habe ich mich nicht mehr an einen Rechner gehockt, um ein „Game zu zocken“. Die einzige Spiele-App, die ich in den letzten Jahren auf mein Handy geladen habe, war „Pizzaiolio! – ein virtueller Pizza Shop, bei dem sich wieder ziemlich schnell herausstellte, dass ich es nicht so mit Gluten habe.

Nein. Mein Bewusstsein hat sich eher durch brennendes Interesse als passive Beobachterin erweitert. Das war mein Ruf zur Pflicht – der Call of Duty neu interpretiert.

Battle Royale in Bayern

Ich bin gerade bei meiner Familie in Bayern zu Besuch und während die Interessenfelder sich hier sonst eher auf idyllische Dorfspaziergänge und Grillsessions in der Runde belaufen, waren sie diesmal durch eine andere Art von Zusammenkunft ersetzt worden. Die Pandemie zwingt einen ja bekanntlich zu Kreativität, was soziale Kontakte angeht.

Mein Radar leuchtete auf, als ich an einem Morgen ahnungslos am Zimmer meines Bruders vorbeiging. Er führte ein Gespräch, also ging ich davon aus, dass er sich mit seiner Freundin unterhielt. War nicht der Fall, denn seine Aussagen schienen in einen leeren Raum geworfen zu werden, es kamen auch keine Antworten zurück. Ich war verwirrt. Er redete irgendwas von „Bleibt wo ihr seid, ich komme jetzt zu euch“. Wo willst du hingehen Bro, wunderte ich mich mit einem Kopfschütteln und klopfte an.

Ohne Sicherheitsabstand vor dem TV

Zu meiner Überraschung öffnete seine Freundin mir die Zimmertür. Auf ihrem Gesicht ruhte ein ernüchterndes Lächeln. Mein Bruder kniete zirka 10 cm und damit definitiv ohne Sicherheitsabstand von 1,50 Metern vor dem Fernseher. Auf seinem Kopf saß ein Headset. Er sah aus wie ein Pilot, der seine Hosen vergessen hatte und redete hochkonzentriert in sein Mikro rein. Blinzelte er überhaupt? Die Sache, in die er gerade vertieft war, schien ernst zu sein. Er merkte nicht einmal, dass ich sein Zimmer betreten hatte. Ich warf seiner Freundin mit meinen Blicken ein Fragezeichen zu.

Und so eröffnete sich das Mysterium von Call of Duty War Zone. Ein Videospiel, von dem ich immer sicher war, dass es sich nur sozial isolierte Couch Potatoes mit einer Abneigung zu Schlaf geben würden. Wie sich herausstellte, war dem nicht so. Der ganze männliche Part meiner Familie war bereits verfallen. Gewinnender Attraktivitätsfaktor: Das Spiel bietet die Möglichkeit, in Teams zu agieren. Das ist wie zusammen Abhängen – nur halt vor dem Fernseher und mit virtuellem Geballere.

Am Telefon mit den Jungs musste ich gar nicht nachfragen, was gerade so geht. Die War Zone war in dieser Zeit des durchschnittlichen Nichtstuns zum heiligen Gral mutiert. Verabredungen zu abendlichen Zocksessions waren wie die Aussicht auf ein fettes Tiramisu nach dem Abendessen.

Sorry, bin Mitten in der Mission

Seit meiner Ankunft dreht sich in diesem Haus viel um das besagte Pflichtgefühl – den „Call of Duty“. Die anderen Jungs beziehungsweise ihre Camouflage-Alter-Egos dürfen schließlich nicht sitzen gelassen werden. Meine Mutter bittet meinen Bruder, staubzusaugen, woraufhin seine Antwort lautet: „Ich kann jetzt nicht Anne, wir sind mitten in der Mission.“ Ich höre ihn mit unserem Cousin telefonieren und planen, wann die Frauen schlafen gehen. Damit sie sich wieder ungestört ins Battle Royale begeben können.

Ob Meister in der Firma, Wirtschaftsingenieur, Schüler oder Vater von zwei Kindern: Die War Zone ist für diese Jungs zur Happy Zone geworden. Ein Haufen von Jungs, die noch vor ein paar Wochen andere Dinge zu tun hatten (wie beispielsweise das Abitur anzugehen), erlagen jetzt dem Zocker-Delirium.

Aus Recherchegründen blieb mir da fast nichts anderes übrig, als mich zu einer Session dazuzugesellen. Ich musste diesen ganzen Hype einfach verstehen. Spoiler-Alert: Es ist mir absolut nicht geglückt.

Verloren im Gulasch

Man springt willkürlich aus einem Flugzeug auf die fiktive Stadt Verdansk und erfüllt dann Missionen im Team oder alleine. Oder versucht, unter den insgesamt 150 Spielern auf der Landkarte der letzte Überlebende zu bleiben. Das sind zumindest die Brocken, die mir mein Bruder halbscharig während des Spiels hinwarf. Nach einmal Sterben landet man im sogenannten Gulag – oder Gulasch, wie die Jungs ihn nennen – aus dem einen die Teammitglieder rauskaufen können.

Meine Impressionen: Ballern, Explosionen, Herumlaufen in leeren Baracken. Gähn. Aber die Headset-Gespräche sorgten für einen Unterhaltungsfaktor, der mich am Ball hielt. Denn wenn meine Cousins live schon zum Umfallen lustig sind, multiplizierte sich dieser Effekt im Online Gaming um ein Vielfaches. Patriotische Songs, tanzende Soldaten, zwischendrin der Appell an die Kinder, wieder zurück ins Bett zu gehen. – Ich habe das Gefühl, hinter den Soldaten erkenne ich die jeweilige Personen wieder. Was einen inhaltlich jeden Tag zu diesem Spiel motiviert, bleibt mir echt ein Rätsel. Doch der soziale Aspekt leuchtet ein. Der geht nämlich über den Controller hinaus.

Life as a Spielerfrau

Ich amüsierte mich prächtig beim Zusehen, bis es irgendwann zäh wurde, Dann sah ich zur Freundin meines Bruders und plötzlich ploppte die andere Seite der War Zone auf: Wie ist eigentlich so das Leben als Spielerfrau? Resonanz: Nicht so sexy. Es geht doch am Ende des Tages um die Mission und dass die Jungs nicht hängen gelassen werden dürfen. Opfer müssen gebracht werden – halt mit Controller und Headset. Hat man da noch das Glück, dass im Haushalt nur ein Bildschirm zur Verfügung steht, ist die Online Mission schnell gefährdet. Doch ohne Regeln geht’s nicht: Bei einem meiner Cousins ist das Online Zocken erst genehmigt, wenn die Freundin sich Schlafen legt. Erst dann kann Verdansk gerockt werden.

Diese Spielerfrauen sind nicht alleine: Call of Duty verzeichnet durch die Coronakrise so viel aktive Spieler wie noch nie. Aber kann man es ihnen verübeln? Diese Frage sollte ich als Nicht-Spielerfrau wahrscheinlich gar nicht stellen.

Play Apart Together. Eine eigentlich schöne Gelegenheit, in einsamen Zeiten wie diesen wieder zusammenzukommen. Die Jungs suchen in verpixelten Gebäuden nach – ich habe es immer noch nicht verstanden, was genau – und ballern um sich herum. Aber sie tun es im Team. Der Stammtisch hat sich ins fiktive Russland verortet, statt der Zigarette werden eben Gebäude angezündet. Und egal, in welcher beruflichen oder privaten Stellung sich die Jungs befinden, am Ende bangen sie alle um das, was Corona mit ihrem Alltag anstellt. Bei dieser Ungewissheit gibt es nichts Tröstlicheres, als eine Headset-Nachricht wie: „Jungs, bleibt wo ihr seid, ich komme jetzt zu euch.“