30 Tage Fasten an Ramadan Lektionen

Ramadan: Was 30 Tage Fasten einem beibringen

Es ist soweit. Die Fastenzeit neigt sich dem Ende zu. Einen Monat durchgefastet, und das ohne einen Tropfen Wasser tagsüber. Bitte was? Das ist doch ungesund! Die einen schütteln ungläubig den Kopf. Diejenigen, die fasten oder schon einmal gefastet haben, können das Gefühl nachvollziehen, das mich jedes Jahr erneut motiviert.

Kurz vor Ramadan breitet sich ein Kribbeln in meinem Bauch aus. So müssen sich Marathonläufer Momente vor dem Startschuss fühlen. Sie wissen: Nachdem das Peng! ertönt, werden die ersten hundert Meter wackelig, mühsam, undankbar sein, sie werden sich nicht so geil fühlen wie Sportler in Nike-Werbungen. Aber dann, langsam und stetig, breitet sich eine Sicherheit in den Muskeln aus, sie werden eins mit dem Boden, sie wissen wieder, warum sie hier sind. Es ist ein Rausch der Gefühle.

Das Fasten zu Ramadan ist nicht ohne. Gerade jetzt, wo die Sonne einem frühmorgens schon penetrant ins Gesicht lächelt, stößt man an seine Grenzen. Denn mehr Sonnenstunden am Tag bedeuten automatisch länger kein Essen und Trinken, weshalb Muslime im Winter auch mit einer ganz anderen Euphorie in den Startlöchern stehen, Trotzdem freue ich mich auf die Fastenzeit. Warum? Lass es mich erklären.

Vorab ein paar Hard Facts über das Fasten an Ramadan:

  • Warum findet Ramadan nicht jährlich zur selben Zeit statt? Ramadan richtet sich nach dem muslimischen Mondkalender. Er fällt immer auf den neunten Monat des Mondkalenders, in dem angeblich der Koran auf die Erde gesandt wurde. Sprich, jedes Jahr verschiebt er sich um einige Tage nach vorne.
  • Wie lange fastet man? Das Fasten an Ramadan beginnt mit dem Sonnenaufgang und endet mit dem Sonnenuntergang. Daher sind die Fastentage im Sommer länger als im Winter und entsprechend härter.
  • Was sind die Regeln? Grundlegend gilt: Ab Sonnenaufgang darf nichts mehr in den Mund. Kein Essen, kein Trinken, nichts Sonstiges. Man soll in einen Zustand der völligen Abstinenz des Geistes geraten. Das gilt auch für Sex und körperlich harte Arbeit (in manchen Fällen trifft beides gleichzeitig zu). Natürlich kommen bei diesen Regeln vielerlei Fragen auf, wie: Darf man tagsüber seine Zähne putzen? Darf man das Fasten mit Sex brechen? Oder was passiert, wenn das Worst-Case-Szenario einsetzt: man isst oder trinkt, ohne es überhaupt zu merken (manche mögen nicht glauben, wie viel sie unterbewusst „snacken“)? Dazu gibt es sogar Fernsehshows, auf denen Imams stundenlange On-Air-Fragerunden führen.
  • Was passiert nach Sonnenuntergang? Das Fastenbrechen am Abend wird ausgiebig zelebriert. Man wird oft eingeladen und lädt selbst zum Essen ein, was dieses Jahr aufgrund von Corona leider weggefallen ist. Der gedeckte Tisch soll „bereketli“ aussehen, zu deutsch „segensreich“ oder „üppig“. Was man nicht tun sollte: Zu segensreich und üppig bis zum Morgengrauen essen! Das geht nie gut aus und ist nicht Sinn hinter der Fasterei. 
  • Wer muss nicht an Ramadan fasten? Ausgenommen vom Fasten an Ramadan sind Schwangere, Kinder, Schwache, Hart Arbeitende, ältere Leute und Frauen während ihrer Periode.
  • Wie wird das Ende des Fastenmonats gefeiert? Nach den 30 Tagen Fasten findet das Zuckerfest statt. Im Anschluss an das Festgebet sammelt sich die Familie zusammen und kredenzt das Meistern des Fastenmonats mit Speis und Trank, und davon viel. Vergleichbar mit Ostern oder Weihnachten. Wie das dieses Jahr aussehen wird, 

Motivation?

Nun aber zum Punkt. Was inspiriert mich immer wieder, den Fastenmonat anzugehen? Die Herausforderung zu meistern? Das Essen, okay, dann das Trinken, puh. Nicht zu vergessen all die Luxuskonsumgüter, die automatisch wegfallen. Für die einen ist es die Kippe am Morgen, für den anderen ein Pralinés am Nachmittag. Kaffee, bei mir ist es definitiv Kaffee. 

Natürlich spielt der Glaube eine essenzielle Rolle, man fastet schließlich für einen tiefergehenden Zweck. Aber in einem Zustand der Abstinenz passieren noch ganz andere Dinge mit dem Bewusstsein – und die sind universal gültig, 

Lektionen, die mir das Fasten an Ramadan jedes Jahr aufs Neue beibringt:

Wertschätzung

Du lernst die alltäglichen Dinge zu würdigen. Der frisch gebrühte Kaffee am Morgen, den du sonst gedankenlos die Gurgel hinabschüttest. Das Blubbern des saftigen Hühnchens im Ofen, den du jetzt, eine Stunde vor dem Fastenbrechen im Minutentakt beobachtest. Du beißt nach dem Fastenbrechen in einen Apfel und spürst, wie der Saft in deinem Mund explodiert, deine Augen zucken, du bekommst eine Gänsehaut. Du denkst plötzlich an all die Menschen, die nicht nur bis abends warten müssen und sich dann den Bauch vollschlagen können, sondern deren Zustand teilweise tagelang so aussieht.

Natürlich greifst du die ersten Abende richtig zu, du bekommst vielleicht sogar Bauchschmerzen. Am Ende ist es wie Weihnachten Feiern jeden Abend, es ist schwer, nein zu all den bunten Plätzchen zu sagen. Aber mit der Zeit merkst du, dass du schon nach einem halben Teller satt bist und die andere Hälfte vielleicht später isst. Und du hebst diesen halben Teller auf, als lägen 100-Euro-Scheine darauf. Du möchtest außerdem jedem eine Faust verpassen, der sein letztes Stück Bretzel in die nächste Tonne kloppt, weil das grad „zu viel Lauge“ auf einmal war.

Selbstdisziplin

Manchmal denke ich, die Bootcamps damals in den Staaten hätten meine Disziplin auf ein Toplevel gehoben. Und dann fällt mir Ramadan ein und ich werde eines Besseren belehrt. Den ganzen Tag nichts zu essen und zu trinken verlangt echt hohe Konzentration. Wie oft stopfst du dir kurz auf dem Weg von der Küche schnell etwas in den Mund? Wie oft denkst du dir: Okay, ich brauche jetzt einen Kaffee, sonst fährt mein System heute nicht mehr hoch? Oder eine Kippe, ein Glas Wein, einen Schluck Schweppes. Das stringente Fasten beansprucht all deine Sinne – und in den letzten Stunden vor dem Fastenbrechen vor allem deinen Kämpfergeist.

Mir persönlich geht es morgens super, da ich üblicherweise intervallfaste und sich der Hunger erst mittags ankündigt. Aber die Kaffee-Abstinenz fordert meine Disziplin heraus. Dann kommt der Nachmittag, bei dem ich mich mit leichten Arbeiten beschäftigen kann. Aber auch da wäre eine Tasse vom braunen Gold ein Gedicht. Das ist alles noch kein Problem. Jetzt kommt der Spätnachmitag, die drei oder vier Stunden, bevor du wieder essen und trinken darfst.

Ich nenne sie geschmackvoll die „Waves of Agony“. Der Moment ist zu nah, als dass du dich auf etwas anderes konzentrieren könntest, als darauf, wie so ein Glas mit kaltem gefilterten Wasser und einer Scheibe Zitrone darin jetzt runtergehen würde wie Öl. Aber die Sekunden fühlen sich an wie Stunden, also scheint das Ziel gleichzeitig so fern und eigentlich solltest du dich sehr wohl auf anderes konzentrieren. Ein hässliches Dilemma. Ich kann nur so viel sagen: Der Augenblick, in dem ich meinen ersten Löffel Suppe zum Mund führe, ist wie die Szene in Pleasantville, wenn alles von Schwarz-Weiß in Farben getaucht wird. Ich habe es wieder geschafft, denke ich mir, Ich bin Katniss Everdeen und habe die Hungerspiele gewonnen.

Iftar – Das Fastenbrechen mit der ganzen Familie.. Video von 2018.

Meditation

Hast du schon einmal Siddharta von Hermann Hesse gelesen? Fasten spielt in diesem weltweit beliebten Werk eine prägende Rolle. Das wohl bekannteste Zitat im Buch sind die Worte Siddharthas zu der schönen Kurtisane, die ihn fragt, was er denn könne. Sie lauten: „Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.“ Warum gerade das Fasten so kraftvoll ist, beschreibt eine andere Stelle im Buch sehr treffend:

So aber kann Siddharta ruhig warten, er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist Fasten gut.

Ich kann Siddhartas Gefühle sehr gut nachempfinden. Nach den ersten Tagen, die mir logischerweise am schwersten fallen, gelange ich in einen meditativen Zustand, den ich sonst nicht erreichen kann. Ich bete wirklich nicht oft, aber in der Fastenzeit lege ich es mir ans Herz, wenigstens einmal am Tag den Gebetsteppich auszurollen. Mache ich das im Fastenzustand, ist das wie drei Stunden zu meditieren. Ich kann meine Gedanken klar sehen, ich spüre meine Emotionen komplett unverfälscht. Es fühlt sich an, als ob alles im Gleichgewicht stünde, und das löst Glücksgefühle in mir aus. Die Dankbarkeit durch die oben genannte Wertschätzung trägt höchstwahrscheinlich zu diesem Glücksgefühl bei. Die größten Meditationsgurus, sei es Ghandi, Siddartha oder Yogi, meditierten tagelang auf komplett nüchternem Magen. Und dahinter steckt etwas, ich kann es bezeugen.

Gesundheit

Um Ramadan drehen sich viele Mythen gesundheitlicher Natur, und um ehrlich zu sein, sehen die meisten Reaktionen von Nicht-Fastenden in meinem Umfeld wie folgt aus: „Was, und du trinkst den ganzen Tag gar nichts?“, „Dann isst du ja quasi die ganze Nacht durch, das ist doch total ungesund?“ On and on. Ich muss gestehen, dass ich mir zeitweise auch Gedanken gemacht habe, ob das gesund ist, was ich da tue. In der Sonne nichts zu trinken geht schließlich ziemlich auf die Substanz. Man soll seinen Lifestyle ja aber auch entsprechend anpassen. Mittlerweile konnte bewiesen werden, dass Fasten während des Ramadan gesund und sich positiv auf den Organismus auswirken kann. Natürlich nur, solange man auf seinen Körper hört und sich eingesteht, wenn es nicht mehr läuft. Beim Sport ist es genauso. Scheißt man auf die Signale, die der Körper einem sendet, ist Polen ganz schnell offen.

Einige positive Auswirkungen durch das Fasten an Ramadan:

– Entgiftung

– Entlastung der Verdauung

– Gewichtsabnahme (wenn man sich nicht sinnlos über Nacht überfrisst)

  • Ausschüttung von Glückshormonen

Ich trinke begleitend die Aloe Vera Trinkkur von Forever Living Products, die meinen Darm zusätzlich reinigt und dafür sorgt, dass meine Verdauung im Schwung bleibt. 

Gemeinschaft

Kommen wir zu dem für mich am wichtigsten Punkt der Fastengeschichte. Das abendliche Zusammenkommen mit den Liebsten. Es handelt sich hier nicht um ein übliches Abendessen, bei dem du überdurchschnittlich viel Hunger mitbringst. Es ist der ganze Prozess dahinter, der eine Gänsehaut bereitet. Du stehst den ganzen Tag in der Küche und bereitest Köstlichkeiten vor. Die Familie trudelt ein, du tauschst sich aus, schlägst die Zeit tot und wartest gemeinsam – die einen geduldig, die anderen weniger geduldig. Dann setzt du dich an die Königstafel. Und hier ereignet sich mein absoluter Lieblingsmoment, für den ich jeden Tag gerne faste: Die letzten Minuten vor dem Fastenbrechen.

Alle sitzen nun auf ihren Plätzen, sind still, jeder kann sich die Gerichte ansehen und noch einmal in sich gehen. Speaking of Meditative Silence. Dann wird das Gebet gesprochen, meistens von einer oder einem der Älteren. Alleine der Gedanke daran stellt mir die Nackenhaare auf. Du siehst auf die Uhr, nur noch eine halbe Minute. Du wartest und wartest. Noch 14 Sekunden. Du nimmst schon eine Dattel in die Hand, das erste, was alle in der Runde symbolisch zum Fastenbrechen essen. Noch 5 Sekunden. Und dann schlägt der Zeiger auf die richtige Stelle. Das Fest beginnt: Ich sehe, wie sich Farbe und Glanz in den Gesichter aller ausbreitet wie durch einen Airbrush Weichzeichner.

Fasten im Alltag?

Das Fasten macht mich also dankbarer, disziplinierter, gesünder und sozialer –  dabei den Alltag gebacken zu kriegen ist jedoch wieder eine andere Baustelle. Es ist eben wie bei einem Marathon: Kein Läufer schafft es, nebenher noch ein ganzes Buch zu lesen oder Business Konzepte zu schreiben – jedenfalls habe ich noch nie davon gehört.

Ja, du gewöhnst dich allmählich an den Zustand, der Magen verkleinert sich und dein Körper merkt schnell, dass es die nächste Zeit kein Shawarma zu Mittag mehr gibt. Aber NICHT an Schawarma zu denken, während es gefühlt die ganze Welt tut, ist eine Herausforderung und ruft kuriose Verhaltensmuster hervor. Vor ein paar Jahren arbeitete ich als Kellnerin während der Fastenzeit. Als ich bei einem der Gäste statt seiner bestellten Limo das Mittagsspecial ohne Getränk ins System eintippte, hatte ich zwar keinen Hunger, aber mein Gehirn wie es schien schon.

Das Shawarma steht sinnbidlich für den normalen Alltag, denn der wird umgeworfen. Du solltest also nicht gerade die Weltherrschaft angehen, während dein Körper und Geist auf Sparflamme lodern. Darauf kommt es in der Fastenzeit aber auch nicht an. Es geht um das Gefühl und die Erinnerungen, die du damit sammelst – und was du aus ihnen lernst. 

Mein schönstes Fasten Erlebnis an Ramadan?

Der Besuch einer marokkanischen Moschee in Amsterdam nach einem Fastenbrechen 2017 hat sich in mein Gehirn gebrannt. Es war heiß, es war überfüllt, es war unglaublich bewegend. Ich habe wie ein Schlosshund geweint (der Grund bleibt bis heute unaufgeklärt), fremde Hände reichten mir Taschentücher und tätschelten meinen Rücken. Eine schaurig-schöne Erinnerung.

Mein schlimmstes Fasten Erlebnis an Ramadan?

Ramadan in New York City 2013. Ich saß im „König der Löwen“ Musical am Broadway und musste mein Fasten mit einer Granola Bar brechen. Nach dem Musical war nur noch ein Prete-à-Manger in der Nähe der AirBnb-Wohnung geöffnet, in dem es zu meinem Glück nur noch Plain Organic Yogurt gab. Es war wie die Welle der Enttäuschung, als ich die Buchverfilmung von Twilight das erste Mal im Kino sah.  

Fasten an Ramadan: Ein einmonatiges Projekt zur Selbstfindung

Ich freue mich immer wieder auf die Fastenzeit. Es ist eine anstrengende Zeit, und an manchen Tagen läuft es alles andere als flüssig – buchstäblich. Vor allem in Stuttgart, wo ich alleine lebe, sind familiäre Zusammenkünfte nicht immer möglich. Aber die oben genannten Beweggründe inspirieren mich immer wieder dazu, das einmonatige „persönliche Projekt“ durchzuziehen. Denken wir wieder an die Marathonläufer, die nach 42,195 km erschöpft durch die Ziellinie laufen. Ein Rausch der Gefühle.

PS: Bei unserem ersten richtigen Date trafen mein Freund und ich mich in einem Restaurant in der Stadt. Ironischerweise befand ich mich zu dem Zeitpunkt mitten im Ramadanmonat und wir warteten darauf, dass ich endlich wieder essen und trinken durfte. Sein Moment der Erkenntnis war angeblich der Glanz in meinen Augen, als ich meinen ersten Schluck kaltes Sprudelwasser trinken durfte. Der Glanz war wahrscheinlich die Dehydrierung, die aus meinen Zellen wich, Ein magischer Moment unter vielen, den mir Ramadan brachte.