Zweisamkeit auf engstem Raum?

Seite an Seite, Wand an Wand, Quadratmeter auf Quadratmeter. Eine gemeinsame Mini-Wohnung in der Stadt ist wie der Annäherungsversuch an ein ungezähmtes Pferd: Schafft man den Aufsprung nicht, folgt womöglich ein recht unangenehmer Tritt ins Gesicht. Schafft man ihn, wird es der Ritt des Lebens.

Deine Zahnpasta soll meine Zahnpasta sein. Im November haben mein Freund und ich uns dazu entschlossen, zusammenzuziehen. Da wir eh 24/7 zusammenhingen, war der Entschluss für eine gemeinsame Wohnung wie Butter auf dem Brot: sinnvoll und geschmeidig. Der Einzug verlief schnell, das Feng-Shui-Gleichgewicht pendelte sich Schritt für Schritt ein. Dabei fühlte ich mich wie Kolumbus in Amerika. Nicht nur zog ich völlig unerfahren in meine erste „Pärchenwohnung“, unser Domizil befindet sich mitten im Herzen Stuttgarts und beträgt schätzungsweise die Größe einer Kellogg’s Packung.

Daher bekomme ich oft die Frage gestellt: Wie schafft man es zusammen auf engstem Raum, ohne die Beziehung zu sabotieren?

Die Frage kann man metaphorisch betrachten. Sich vom Partner beengt zu fühlen hat oft wenig mit der Größe des Raums zu tun. Aber ja, 35 m2 für zwei sehr aktive Menschen kann ein Liebes-Test sein. Zustände wie die Quarantänephase, in der wir uns alle befanden, sind im Folgeschluss wie Fleißaufgaben in diesem Test. Es hätte scheiße laufen können, aber irgendwie haben wir die Kurve gekriegt. Und heute, ein halbes Jahr post Einzug, fühle mich so sehr zuhause wie nie zuvor – als heimliebender Krebs ist das eine verdammt große Errungenschaft.

Wenn man sich mag, steigt die natürliche Toleranzgrenze – das Zusammenleben mit all seinen desillusionierenden Details ABER ist eine neue Etappe. Es ist der Vertrauenstest für die Beziehung: Augen zu, Arme verschränken und einfach fallen lassen. Mal sehen, was passiert.

Zu zweit auf 35 m2 – die Aufwärmphase

Warum möchtest du mit deinem Partner zusammenleben? Hoffentlich nicht, weil du grad finanziell am Arsch bist oder dich aus jedweden anderen Gründen zu einem Zusammenzug gedrängt fühlst, Auf Dauer hilft da das ausgeklügeltste Feng-Shui-System nicht weiter.

Mein Freund und ich waren verliebt über beide Ohren und Bauchgefühl spielte eine große Rolle bei der Wohnungsfrage. Wir beide hatten bereits lange alleine gelebt, er zuletzt in einer WG – womit er mir einen Schritt voraus war. Seit 2013 war ich es zwar gewohnt, auf engstem Raum zu leben, aber eben nie mit einer anderen Person. Da kommen ganz andere soziale Regeln hinzu. Einkäufe, die in ein Mini-Yutebeutel passen? Fehlanzeige. Gilmore Girls in Dauerschleife? I don’t think so. Aber das war gut! Ich mag Herausforderungen. Die Aussicht auf meinen Freund ist eh eine viel bessere als auf Kaffee-Drama in Stars Hollow.

Sich in zwei Zimmern einzurichten ist ein Zuckerschlecken – und gleichzeitig so schwer. Eine ambivalente Angelegenheit. Fast so wie die Aussichten aus unserer Wohnung: Auf der Südseide das romantisch-verschlafene Heusteigviertel, bei der man Lust auf eine leichte Weinschorle bekommt, auf der Nordseite die kotzearomatisierte Altstadt, über die man einen Krimiroman schreiben möchte. Ich liebte diese Wohnung von Anfang an. Hier war so viel Raum für Kreativität.

Rechnen wir 1+1, dann ergibt das 2. Die Wohnung aber ist konzipiert für 1 1/2, also mussten wir taktisch vorgehen. Da mein Freund und ich mit einer ordentlichen Ration Empathie geschlagen worden sind, entwickelte sich unser Ökosystem in dieser Wohnung mehr oder weniger von alleine. Dachte ich. Falsch gedacht. Wenn ich genau drüber nachdenke, poppen so einige unausgesprochene Regeln auf, die für Harmonie in der Kellog’s Packung sorgen.

Do you really need that shit?

Wäre Minimalismus ein Mensch, wäre er mein Best Buddy. Am liebsten würde ich alles Überflüssige an Gegenständen aus meinem Leben verbannen. Klare Räume sorgen für klare Gedanken. Manchmal schaue ich mir im Netz zugestellte Wohnungen an, nur um das Gesicht verziehen zu können. Als würde ich gerade Saw III sehen. Minimalismus wirklich auszuleben, vor allem zu zweit im Haushalt, ist jedoch schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Obwohl ich wenig Krimskrams besaß, musste ich kurz vor meinem Einzug in das Apartment rücksichtslos und kaltblütig ausmisten. Bücher, Klamotten, Gewürze, Tees, Möbel. Es war ein Schmerz bis in meine Knochen, vor allem weil einige Dinge Souvenirs von meinen vielen Reisen waren.

Minimalismus geht mit Loslassen einher, und das ist im ersten Augenblick alles andere als angenehm. Das Gefühl danach ist unglaublich erleichternd. Ich war tatsächlich leichter, da ich den Cardigan, den ich beim Ausmisten trug, mit auf den Haufen warf. Drei Gründe, warum ich an diesem Tag super drauf war:

1. Hatte ich den Mitbewohnerinnen im Wohnheim eine Freude bereitet, weil sie jetzt einen Edelstahl-Kocher, Koriander aus Marokko oder eine Familienpackung Teelichter in Anspruch nehmen konnten,

2. liebte ich das Gefühl von Freiheit und

3. hatte ich wieder eine Übersicht über meine Habseligkeiten erlangt: Rum aus Mexiko City von vor 3 Jahren? Ich hasse Spirituosen, aber darauf trinken wir erst einmal einen.

 

Ordnung muss sein

Ja, ich gebe zu, mein türkisches Gen veranlasst mich dazu, bei Unordnung und Schmutz nicht entspannen zu können. Es bringt mein Augenlid zum Zucken, von der Couch aus einen Haarknäuel auf dem Boden mit meinen Augen zu erfühlen. Die Gewissheit, dass Oberflächen um mich herum staubig sind, löst Hautjucken aus – und ich bin nicht einmal Allergikerin.

In einer kleinen Wohnung intensiviert sich dieses Gefühl. Denn

1.: Hast du alles im Blick, was theoretisch schmutzig sein könnte. Aus dem Bad kann ich den Dreck auf dem Wohnzimmerfenster sehen.

2.: Kann die Wohnung innerhalb von 2 Sekunden in eine Chaotenbude mutieren. Lass eine Kaffeetasse auf dem Couchtisch zurück, welcher gleichzeitig der Esstisch ist, et voilà l’appartement von einem Messie. Beim Schreiben dieser Worte zuckt schon mein Augenlid – wie beim Haarknäuel am Boden. Ordnung ist der Schlüssel zu Entspanntheit. Äußere Ordnung ist gleich innere Ordnung. Das gute bei meinem Freund und mir ist, dass wir beide uns nicht vor Hausarbeiten drücken (Prokrastination gehört dazu, aber Hauptsache, der Job ist am Ende erledigt). Ein weiterer großer Vorteil ist, dass man einen ganzen Hausputz durchführen kann und trotzdem eher fertig ist, als Popcorn im Backofen braucht.

 

Immer in Bewegung

Sperrt man einen Hund zu lange ein, beginnt er zu bellen und pinkelt im besten Fall noch auf den Teppich. So ähnlich ist es bei uns auch. Wenn wir den ganzen Tag drinnen sitzen, läuft das nur über private Mottoveranstaltungen (Lümmel Day, Pj-Party, Lieferando-Marathon). Ansonsten gehen wir sehr oft spazieren, mal länger, mal nur kurz zum Luft Schnappen. Unser Gym liegt gleich um die Ecke, und wenn es hart auf hart kommt, wie jetzt in Zeiten von Corona, haben wir Trainingsgerätschaften in der Wohnung installiert. Der Vorteil unseren Standorts: Alles liegt in Gehwegnähe. Ob Schlossgarten, einer der vielen Aussichten auf die Stadt oder die malerischen Gassen des Bohnen- und Heusteigviertels. Die frische Luft tut nicht nur dem Kopf gut, wir toben uns körperlich aus und können wieder guten Gewissens zurück in die Stube zurück – eben wie ein Hund. Wenn wir Abwechslung brauchen, aber das Haus nicht verlassen wollen, springen wir einmal die Treppen runter ins Café im Erdgeschoss, wo Cappuccino und außergewöhnlich gute Kuchen in der Vitrine warten. Im Sommer dient dieses Café als unser Gästebereich, wo wir stundenlang mit Freunden sitzen – und die Stadt unser erweitertes Wohnzimmer wird.

Kreative Features

Wer in einer kleinen Wohnung lebt, muss kreativ werden. Fehlt der nötige Raum, muss man ihn sich eben schaffen – und das macht verdammt Spaß. Wir haben einen Weg gefunden, Kraftsport und sogar Yoga ausüben zu können, ohne wegen des engen Raums abzukotzen. Unser Schlafzimmer ist gleichzeitig ein stylisch begehbarer Schrank. Die Couch verbirgt eine versteckte Kommode. Der Mini-Backofen dient ab und an als Stauraum. Nischen, Ecken oder Wände in voller Höhe sind die neue Spielwiese. Und für manche Dinge lassen sich schnell Alternativen finden.

Ein Freund betrat zum ersten Mal die Wohnung und sah sich erstaunt um. Er suchte die Wände ab, offensichtlich auf der Suche nach etwas. „Die Wohnung sieht echt hammer aus, aber Leute…wo ist der Fernseher?“. Auf die Antwort, dass es hier schlicht und ergreifend keinen Fernseher gäbe, entgegnete er entsetzt: „Echt jetzt? Was macht ihr denn sonst den ganzen Tag? Reden??“. Wir haben uns gegen einen Fernseher entschieden, weil er den Raum kleiner erscheinen lässt. Stattdessen haben wir uns einen Mini-Beamer von Apeman besorgt, den wir ganz einfach mit dem Laptop verbinden. Innerhalb weniger Minuten entsteht ein Heimkino, wie man es nur wünschen könnte. Ich habe meinem Freund bereits versichert: Kino-Dates sind aus dem Rennen. 

Kreativität zahlt sich auf engem Raum am meisten aus. Entwickelt man daraus noch gemeinsame Projekte, hat man außerdem gleich ein paar Dates mit intus.

Privatsphäre, auch wenn sie so gesehen gar nicht existiert

Mein Freund und ich haben nicht die Möglichkeit, uns in ein anderes Zimmer zurückzuziehen. Es sei denn, einer von uns begibt sich ins Schlafzimmer, während der andere im Wohnzimmer bleibt. Und selbst dann würden wir uns hören, da alle Türen prinzipiell geöffnet sind (geschlossene Türen in einer Mini-Wohnung können Gummizellenoptik erlangen). Dieser Gedanke der Trennung klingt außerdem absurd für uns, Wohnzimmer sind schließlich für gemütliches Beisammensein gedacht.

Um die Privatsphäre des anderen respektieren zu können, bedarf es Fingerspitzengefühl und gute Kommunikation – die auch ohne Worte funktioniert. Mein Freund und ich sitzen die ein oder andere Stunde nebeneinander, in denen jeder seinen Angelegenheiten nachgeht, sei es auf dem Laptop oder Notziblock. Keiner redet, keiner stellt Fragen. Ich sah es ja immer als Meisterleistung an, sich pausenlos mit einer Person unterhalten zu können. Aber der heilige Gral der Verbundenheit zweier Menschen ist es tatsächlich, gemeinsam die Schnauze halten zu können.

Nichts desto trotz muss man wirklich aufeinander achten und sich absprechen, wenn es beispielsweise um berufliche Telefongespräche geht. Für solche Fälle ist unsere Truhe in einer Badecke vorgesehen.

PS: Neben zu viel Krimskrams sind geschlossene Türen das zweite Übel für kleine Wohnungen. Da fühlt man sich ganz schnell in den Brunnen bei „Das Schweigen der Lämmer“ katapultiert.

Den Aufsprung aufs Pferd schaffen

Paarst du Liebe mit Empathie, kann Zweisamkeit auf engstem Raum wie Zuckerglasur für die Beziehung sein. Gemeinsame Morgenrituale, unkomplizierte Kochdates, Pyjama-Parties im täglichen Loop sind einfach der Shit. Streitet man aufgrund von zu wenig Platz, ist der Platz meist schon davor mit etwas anderem gefüllt gewesen.

Es wurden noch keine empirischen Forschungen dazu angestellt, ob sich Streitgespräche bei Paaren proportional zu der Wohnungsgröße verhalten. Kleine Wohnungen: Konflikt- oder Komfortpotenziale? Das entscheidest du am Ende selbst. Wir haben den Aufsprung aufs Pferd geschafft. Und bis jetzt ist es ein verdammt geiler Ritt.