Warum schenken wir den schwierigsten Menschen das meiste Fingerspitzengefühl?

Je anstrengender dein Gegenüber, desto samtiger deine Handschuhe?

Ein Phänomen beschäftigt mich sehr. Es handelt von den Menschen in unserem Leben, die uns beleidigt sind, weil wir nicht zurückgerufen haben. Deren Verhalten unberechenbar ist, genauso wie ihr Umgang mit uns. Sie sind wählerisch, launisch, egozentrisch, stur oder cholerisch. Sie haben mit Traumata und Komplexen zu kämpfen, die sich auf verschiedenste Arten äußern – und komischerweise immer als Rechtfertigung für beschissenes Verhalten dienen. Ich nenne sie die „schwierige Partie“, oder, um dem Phänomen einen catchy Ausdruck zu verleihen, die „Charlies“ unseres Lebens.

Ich frage mich: Warum behandeln wir die schwierige Partie mit mehr Rücksicht als umgängliche Menschen?

Es ist ein psychologischer Paradoxon, In meinem Umfeld finden sich die einen oder anderen Charlies, wobei sich ein Muster hindurchzieht: Je anstrengender die Person, desto mehr komme ich entgegen. Oder um den Spieß umzudrehen: Je netter und umgänglicher mein Gegenüber, desto weniger bemühe ich mich, es ihm recht zu machen. Gehen wir von dem Spruch aus, der uns schon im Kindergarten eingebläut wurde: „Was du nicht willst, das man dir tut,…“, haben wir ein ordentliches Erziehungsproblem.

Das Biest-Syndrom

Woran liegt es? Wieso haben wir das Bedürfnis, Situationen mit anstrengenden Menschen immer kitten zu müssen? Sogar in Disney Filmen beobachte ich dieses Phänomen. In „die Schöne und das Biest“ sperren sie Belle zuerst in einen Kerker und zwingen sie dann zu einem Abendessen mit dem ungesund launischen Menschenbären. Trotzdem bittet sie das Schlosspersonal – verwandelt in Gegenstände wie Staubwedel oder Teekannen, weil es das Biest zuvor bei der Hexe verkackt hatte – um Nachsicht mit ihm. Er habe ja einen guten Kern. Was passiert? Die Szene endet mit einem Dinner for Two.

Ein guter Kern verbirgt sich in jedem, bei manchen liegt er verborgener als Fossilien aus der Kreidezeit. Aber das ist nicht unbedingt der Grund, warum wir handeln, wie wir handeln. Hier sind drei Ursachen, warum wir umsichtiger mit schwierigen Menschen umgehen als mit einfachen:

Harmoniebedürftigkeit

Unser Instinkt ist es, Harmonie zu wahren. Vorausgesetzt natürlich, wir sind nicht masochistisch veranlagt oder selbst eine „schwierige Partie“. Interagieren wir mit einer Person, die diese Harmonie fortlaufend aus der Balance oder gar in Gefahr bringt, müssen eben wir einschreiten: Wir kompensieren das Defizit des Gegenübers. Kennst du das Gefühl nicht? Dein Gegenüber ist mies gelaunt und wird des Lebens nicht froh, also schaltest du dich ein, spielst ein wenig den Klassenclown und munterst ihn auf. Das macht normalerweise auch Spaß, weil es intuitiv passiert. Dein Gegenüber ist im besten Fall nicht im Dauermodus schlecht gelaunt oder traurig – es sei denn, er ist ein Charlie und du der Harmonieapostel.

Unsicherheit

Wie oft sind wir alleine aus dem Grund nett zu Menschen, weil wir nicht wissen, wie wir reagieren sollen? Unsicherheiten sind das Schlaraffenland anstrengender Menschen. Eine Dame in einem Büro in Stuttgart redet mit mir, als sei ich ihr Nemesis. Zuerst dachte ich, sie hätte einen schlimmen Tag hinter sich gehabt und ich entgegnete ihr mit gut gemeinter Nettigkeit. Dann war ich mir sicher, sie hätte etwas persönlich gegen mich, als sie mich beim nächsten Mal schon wieder anschnauzte. Als ich live miterlebte, wie sie mit jedem anderen in genau demselben Maleficent-Ton sprach, wurde mir endlich klar: Sie war ein Charlie (oder litt an Autismus)! Faszinierend dabei war nur, dass nicht nur ich komplett deplatziert reagierte: Jeder schien so perplex über die Umgangsweise, dass darauf entweder Schweigen oder, und das fühlte sich noch schlimmer an, verunsicherte Nettigkeit folgte. 

Meine Devise lautet: Der Ton spielt die Musik. Die Melodie dieser Bürodame lag Oktaven daneben, und doch war ich zu unsicher, etwas zu erwidern, Ich wollte keinen Aufstand erregen, rutschte automatisch in die Omega-Tier-Haltung. Die einzige kleine Milderung meines Loserstatus war die Tatsache, dass ich da offenbar nicht die Einzige bin. 

Natürlich trifft das nicht auf die Schlagfertigen und Gewieften zu, die der Bürodame eloquent und ordentlich den Marsch geblasen hätten. Aber lass es mal nicht die Bürodame, sondern deine Mutter, dein Opa oder dein bester Freund sein. Dann verändern sich die Umstände nämlich gehörig.

Netiquette

Wir haben gelernt, gut zu Menschen zu sein, denen es schlecht geht. Jemand hat ein Aua? Gib ihm ein Pflaster. Jemand ist traurig? Sing ihm ein Lied und bestimmt geht es ihm besser. Eine Oma, die dich anmault, warum du den Tisch nicht richtig decken kannst, „ist halt so, akzeptiere sie, wie sie ist.“ An dieser Stelle bringe ich wieder das „Schöne und Biest“-Beispiel an. Eigentlich steckt ja sogar in den schwierigsten Menschen ein guter Kern. Repeat. Um die Stimmung nicht kippen zu lassen oder die Person nicht noch mehr zu verstimmen, akzeptierst du es eben und hältst den Rand. Das gehört schließlich zur „Netiquette“, stimmts?

Anstrengende Menschen – Was tun?

Im Grunde genommen haben die durchschnittlich frohen Menschen unter uns die Arschkarte gezogen. Denn sie benötigen keine Extra-Behandlung. Sie wirken weich, sind jedoch die mit dem Löwenfell. Es ist unrechtmäßig, doch wir tun es trotzdem. Wir tun all den Charlies den Gefallen, weil sie deprimiert sind und es nicht schaffen. Wir nehmen Rücksicht auf Charlies, wir zeigen Verständnis. Wir tun es der Verwandtschaft oder der Beziehung oder der jahrelangen Freundschaft willen. Aber Engagement darf nicht mit Schwäche verwechselt werden.

Denn wir sind anstrengenden Menschen gegenüber nicht nur rücksichtsvoller, weil wir harmoniebedürftig, unsicher und der Netiquette unterlegen sind. All die Charlies da draußen stecken klare Grenzen für sich selbst ab und fordern diese auch vehement ein. Am Ende des Tages verdrehen sie sich nicht. Sie sind schwierig und stehen dazu. Nach dem Motto: Akzeptiere mich, wie ich bin. Oder halt dein Maul. Was ist deine Rolle in dieser Konstellation?

Das Gegenpol zu Egoschweinen

Harmonische Menschen bekommen weniger Rücksicht, weil es ihnen schwer fällt, Grenzen zu ziehen und sich nicht zu verdrehen. Mit ihrer Konfrontationsscheu sind sie quasi das Gegenpol zu Egoschweinen, schneiden sich damit aber ins eigene Fleisch. Der Ehrlichkeit halber: Mit diesen Leuten verbringen wir irre gerne Zeit. Aber wenn’s drauf ankommt, ist es auch okay, wenn wir uns mal ein paar Tage nicht melden. Ein Charlie würde dir die Leviten in Großbustaben lesen, deswegen machst du es wahrscheinlich gar nicht erst.

Man sollte sich eine Scheibe von den Charlies abschneiden. Die Umgänglichen sollten auch mal NICHT umgänglich sein – sie sollten nicht so einfach zu umgehen sein. Die Angst vor Fehlern führt nämlich oft zu einem Fehler der Kommunikation.

Deswegen: Sei ruhig mal schwierig zu der schwierigen Partie. Verdrehe dich nicht. „Dreistigkeit siegt“, liebe Charlies, das sind eure Worte. Es ist wie einem schreienden Baby einen Handspiegel vors Gesicht zu halten. In 8 von 10 Fällen verstummt es bei seinem eigenen Anblick.

PS: Wirklich gute Menschen sind wir dann, wenn wir uns um unser Umfeld sorgen – und die Charlies auspacken, wenn die Grenzen verschwimmen. Weniger „Ja und Amen“ könnte zu mehr „Hallelujah“ führen.