Das Nudelwasser in mir kocht

Das Nudelwasser in mir, es brodelt

Während das Nudelwasser heiß wird, ist mein Dialog perfekt vorausgeplant. Doch dann geht alles schief…Ein epischer Text.

Das Wasser beginnt zu kochen. Kleine Bläschen bilden sich in einem merkwürdig gleichmäßigen Rhythmus auf der Oberfläche und hypnotisieren mich. Ich starre in den Topf und sehe zu, wie das Chaos wütet. Genauso muss es in meinem Kopf aussehen, denke ich mir. Jemand dreht den Herd auf und die Hitze steigt in jedes Wasserpartikel im Edelstahlgehäuse. Langsam, langsam, bis es kleine Bläschen schlägt. Ich merke, wie die Wut in meiner Brust brodelt. Wie Lava unter einem bebenden Vulkan.

Sie hasst Nudelgerichte

Bald ist es soweit. Bald kann die Lava ausbrechen. Ich schütte die Linsennudeln in den Topf. Sie hasst Nudelgerichte, und deswegen ist dieses Gericht genau perfekt für den heutigen Abend. Für mein heutiges Anliegen. Mein Wasser kocht nämlich bis unter den Deckel.

Unseren Dialog hatte ich schon mehrmals im Kopf abgespielt.

„Hallo Babe, wie war dein Tag?“,

„Gut, Babe. Komm doch mal her. Ich muss mit dir reden.“.

„Oh…du hast Nudeln gemacht.“

„Ja, es gibt auch nichts anderes. Und da kommen wir gleich zum Punkt. Du hasst Nudeln. Ich liebe sie. Vor allem Linsennudeln. Die sind Low Carb. Wann haben wir in den letzten vier Jahren Nudeln gegessen? Nicht ein einziges Mal. Ich möchte mich nicht mehr für dich verbiegen, damit es dir dann gut geht. Ich mache das jetzt seit Jahren mit und ich habe die Schnauze voll…“.

Ja, ich habe daraufhin einen ganzen Monolog vorbereitet. Es wird ein Fest werden. Sie wird heulend aus der Küche rennen, um dann mit irgendeinem Gegenstand zurück zu stolpern, vielleicht die große, runde Kerze aus dem Flur? Und sie wird sie nach mir werfen. Es würde kurz wehtun. Aber sie träfe das wie ein Pfeil in ihr Herz. Gewiss nicht Amors Pfeil.

Wir regierten die Straßen Rios

Ich sehe an die Küchenwand, wo ein Polaroid-Bild von uns beiden hängt, damals in Rio. Sie hatte die Arme um mich geschlungen, wir waren braun gebrannt, das Leben war schön. Wir fühlten uns wie Titanen, die die Straßen Rios regierten, die Leute sahen uns an, weil wir so gut zusammen aussahen. Da konnte ich sie noch leiden, denke ich mir. Da hatte sie noch nicht diese…Allüren entwickelt.

Ich konnte mich in diesen Moment zurück katapultieren und mich daran erinnern, wie ich fühlte. Doch wenn ich das Polaroid-Bild ansehe, jetzt, in unserer 15 m2 Küche in der Stadt, kommt in mir Missbilligung hoch. Nein, nicht Missbilligung. Gleichgültigkeit. Nein nein, Gleichgültigkeit kann es auch nicht sein, dafür war meine Wut zu präsent. Gleichgültiger Hass? Ich schütte eine große Prise Salz in das kochende Nudelwasser.

Sie hatte es definitiv zu weit mit mir getrieben. Die Sache mit Martha letztes Jahr, das war einfach nur peinlich. Ich hatte mich nur wegen der Arbeit mit ihr getroffen und musste mir dann abends eine Hasstirade anhören. „Hast du mit ihr geschlafen?? Sag es mir sofort!“.

Absolut daneben. Ich meine, ich hätte es tun können. Ich weiß, dass Martha Gefallen an mir fand, sowas spürt man. Pheromone und solche Dinge. Aber ich habe es NICHT getan, und dafür sollte ich eine Medaille bekommen. Denn verheiratet war ich nicht, und an mangelndem Interesse lag es auch nicht. Ich habe das einzig und allein nicht getan, um ihr eins auszuwischen. Sie hätte ja sonst etwas gegen mich in der Hand gehabt.

Knackig, so mag ich das

Dann die Geschichte mit meiner Mama, meine Fresse. Nur weil Mama ihr ab und an mal sagte, was sie dachte. Dass sie ein paar Kilo zugenommen hatte. War es nicht so? Doch, war es. Tagelang musste ich mir anhören, ob sie wirklich so sichtbar zugenommen hatte. Nein, sagte ich, aber eigentlich stimmte es. Ich hatte nur keine Muse für Diskussionen.

Das Nudelaroma steigt in die Luft und umhüllt meine Nasenlöcher. Mein Gesicht wird ganz dampfig. Sie sind durch. Also ja, ich und sie sind durch, aber auch die Nudeln sind durch. Schön al dente, knackig, so mag ich das. Ich weiß, dass sie nur wegen des Geldes mit mir zusammen ist. Es ist doch immer das Geld, nie war wirklich jemand an meiner Persönlichkeit interessiert. Juckt mich auch nicht. Solange ich das Geld habe, ist alles gut. Geld ist Macht.

Das Türschloss rasselt.

Showtime.

Ich gieße die Nudeln ab, schrecke sie mit kaltem Wasser ab und platziere eine Hand voll auf dem anthrazitfarbenen Teller. Elegant, wie in einer Werbung, schwebe ich zum Kühlschrank, öffne ihn mit einer Hand und greife nach dem Parmesan. Mit der anderen Hand schnappe ich mir die Käsereibe, die in der Schublade daneben platziert ist. Mit meinem rechten Knie schubse ich Schublade und Kühlschranktür an seinen Platz und wende mich zurück an mein Nudelgericht. Sie steht nun vor mir und starrt auf den Teller voll Nudeln. Ich hatte alles perfekt vorausgeplant.

Aber etwas stimmt hier nicht. Sie reagiert nicht, wie ich es erwartet hatte. Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.

der Joker, kurz bevor er eine verrückte Nachricht verkündet

Sie provoziert mich, sie tut das extra. Zwischen uns herrscht ein Moment Stille. Ich versuche zu verstehen, warum sie so abgedreht lächelt, wie der Joker, kurz bevor er eine verrückte Nachricht verkündet. Sie versucht eine Reaktion auszulösen, denn sie visiert mich, dann den Nudelberg, dann wieder mich.

Ich werde ihr diese Genugtuung nicht zugestehen, denke ich. Sie will, dass ich mich provoziert fühle. Aber damit ist Schluss. Ich werde es ihr zeigen. Ich lächle zurück, wie der Joker, kurz bevor er eine verrückte Nachricht verkündet.

„Hallo Babe, wie war dein Tag?“,

„Gut, Babe. Komm doch mal her. Ich muss mit dir reden.“.

„Oh…du hast Nudeln gemacht.“.

„Ja, es gibt auch nichts anderes. Und da kommen wir gleich zum Punkt…“.

„Das ist kein Problem, Babe“, sie unterbrach mich. Mit diesem breiten, unerträglichen Grinsen.

„Ich habe eh keinen Hunger“.

Amors Pfeil??

Ich bin paralysiert. Kein Problem? Ist das ihr Ernst? Ich komme aus dem Konzept. Ich hatte doch dieses Gespräch so perfekt abgespielt. Sie hätte die Nudeln gehasst, ich hätte ihr weiß gemacht, dass ich mich nicht mehr für sie verbiege, sie hätte einen Gegenstand auf mich geworfen, Amors Pfeil. Nein! Nicht Amors Pfeil. Der Pfeil der Hölle! Ich habe die Schnauze voll, ich habe die Schnauze voll von… Ihr Lächeln verwirrt mich.

Warum lächelt sie so penetrant? Sie schwebt zu mir rüber, elegant wie in einer Werbung. Nun steht sie direkt vor mir, sieht mir in die Augen und lächelt penetrant. Ihre Augen sind eisblau und schön. Ich lebe meinen persönlichen Albtraum. Schau mich nicht so blöd an, will ich schnauzen.

„Willst du keine Nudeln?“, frage ich.

„Nein, Babe. Aber ich setze mich zu dir“.

Eine Spannung liegt jetzt in der Luft, sie fühlt sich fremd an. Es ist nicht die Spannung, die ich initiieren wollte. Die Spannung, über die ich Kontrolle gehabt hätte, auf die ich gespannt gewartet hatte. Auf die ich vorbereitet war. Diese Spannung kommt von ihr aus.

Die Spannung der aufgespießten Nudel

Was zur Hölle geht hier vor? Ich sollte die Kontrolle haben, das hier sollte kurz und knackig sein, wie die Nudeln, al Dente. Wir gehen in den Essbereich, ich, mein Nudelteller und ihr penetrantes Lächeln. Sie hat etwas vor. Ich weiß es. Sie würde mir gleich etwas sagen, ich kann die Spannung spüren, mit der sie ihre Worte zurückhält, bis wir uns setzen und ich eine Nudel mit der Gabel aufspießen würde. Was würde sie mir sagen? Wollte etwa sie einen Schlussstrich ziehen?

Nein, das würde sie sich nicht trauen. Das würde diese miese Ratte sich nicht trauen. Mein Wasser kocht, es läuft über, aber ich bin stumm. Ich implodiere. Mein Monolog, er ist weg. Mir fehlen die Worte, ich bekomme Lampenfieber. Wie damals vor der Schulaufführung „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Ich hatte keine Hauptrolle, meine Rolle war nichtig, aber diese Nervosität brachte mich um den Verstand.  

Sie streicht mir mit ihrer Hand über den Rücken. Das soll liebevoll rüberkommen, ich weiß schon, aber es war, weil sie mich bemitleidet. Sie tätschelt mich, mein Ego. Meine Mama hatte mich getätschelt, wenn ich ihr ein Bild übergab, das ich von ihr gemalt hatte. Ihre Ohren sahen aus wie die eines Spanferkels. Ich war nicht 3 Jahre alt, ich war 12 und hätte in der Lage sein sollen, gottverdammte Ohren zu zeichnen.

Das Nudelwasser ist leer

Sie lächelt penetrant.

Ich habe das Geld, ich habe das Geld, ich habe das Geld.

Wie ein Meditationsmantra spiele ich die drei Worte in meinem Kopf ab. Mein Monolog, meine Präsentation driftet ins Nirvana. Nun wiederhole ich die vier Wörter.

Ich habe das Geld, ich habe das Geld, ich habe das Geld.  

Ich wiederhole die vier Wörter. Für die vier Jahre, die wir durchhatten. Wir setzen uns. Ich steche eine Nudel mit der Gabel auf. Ich tue, als jucke mich die Welt nicht. Low Carb Nudeln for life. Mein Knie beginnt zu wippen, wie von allein. Ganz schnell, im Takt mit meinem Herzen.

„Ich habe Neuigkeiten“, raunt sie.

Schräg hinter ihr sehe ich den Topf neben der Spüle stehen. Er ist leer. Kein brodelndes Wasser. Nichts. Ich bin der Topf.