7 Dinge, die ich von meinen Eltern über Beziehungen gelernt habe

Wir sind uns sicher. In der heutigen Zeit scheitern wir an der Schnelllebigkeit unserer Beziehungen. Unsere Partner sind austauschbar geworden, Trennungen gehen so leicht von der Hand, als müsste man sich bei McDonald’s zwischen Chicken Nuggets oder Pommes entscheiden.

Die Sorge ist groß: Gibt es sie heute überhaupt noch, die ewige Liebe?

Wo ist die Art von Liebe, die wir aus Gedichten, Filmen, Büchern zitieren, an der wir aber gleichzeitig zu scheitern scheinen? Es sind nicht die Tatsachen, sondern die Angst vor ihrem Eintreten, bei der uns die Düse geht. Wir hören von hässlichen Trennungen, Betrug, Rosenkriegen oder unüberbrückbaren Differenzen und plötzlich sehen wir die Welt durch die tiefblau getönte Brille – Vergänglichkeit. 

Aber die ewige Liebe, es gibt sie noch. Anstatt uns dem allgegenwärtigen Confirmation Bias zu ergeben und wehrlos in Pessimismus abzudriften, sollten wir Vorbilder suchen. Deswegen habe ich für diesen Blogbeitrag meine Eltern herangezogen. Seit 30 Jahren glücklich verheiratet, immer noch wie frisch verliebt, das Höchste voneinander haltend. Eine Love Story, bei der man sich fragt: Okay, also…wo ist das Häufchen?

Die Frage sollte eigentlich lauten: Wie beseitigt man das Häufchen, bevor es anfängt zu stinken?

Über die Jahre hinweg habe ich beobachtet und Fragen gestellt, wie es eine Schreiberin eben tut, Gesammelt haben sich 7 eingesessene Grundregeln einer Retro Liebe, die immer im Trend geblieben ist.

1. Respekt wahren

Eine Urtugend, die so selbstverständlich ist wie nach dem Klogang zu spülen. Das ist leichter gesagt als getan. Den Respekt zu wahren, wenn man eigentlich gar keinen Nerv hat, stellt die wirkliche Herausforderung dar. Wie redest du mit jemandem in einer Streitsituation, in der du am liebsten einen Stuhl werfen würdest? Da tut sich schnell ein völlig unentdeckter Wortschatz auf.

Überschreitet man Grenzen einmal, ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich das wiederholt. Als Kind besaß ich eine Arielle-Barbie, der ich im Eifer des Gefechts einen Arm abtrennte. Sie war dann eine einarmige Meerjungfraubarbie. Bis sich auch noch der zweite Arm verabschiedete, war es nur noch eine Frage der Zeit. Der Schaden war ja eh schon angerichtet. Meine Arielle-Barbie hat nichts mit Beziehungen zu tun (offensichtlich hatte ich auch nicht gerade die tiefste Bindung zu ihr), aber ihr versteht die Botschaft: Respektlosigkeiten sind wie die Gliedmaßen einer Barbie. Trennst du einen ab, folgt bald das nächste.

Meine Eltern leben in meinen Augen den Inbegriff von Respekt nicht, weil sie sich nie in die Haare kriegen. Wir sind hier nicht in einem Disneyfilm. Aber sie streiten beispielsweise nicht vor anderen. Sie bohren sich nicht gegenseitig in den Wunden, unabhängig davon, wie wütend sie sind. Sie benutzen keine Kraftwörter und belächeln sich nicht aus Provokation. Alles kleine Gesten von Respekt, die große Auswirkungen haben.

2. Das innere Kind bleibt

Nennen wir das Kind beim Namen. Die zwei sind trotz ihrer täuschenden optischen Erscheinung nicht mehr die Jüngsten. Sie sind um die 50. Die Zahl muss hierher, um die Tragweite zu erkennen. Beide haben sich auf verschiedene Weisen eine kindliche Art beibehalten. Meine Mutter mag Kinderfilme und tanzt auch oft wie eins. Mein Vater klettert auf Feigenbäume und muss bei spannenden Projekten erinnert werden zu essen. Für mich ist das die Zusammenfassung dessen, was in „Das innere Kind in dir muss Heimat finden“ auf jeder Seite gepredigt wird.

Ich sehe viele Paare, die sehr jung erwachsen geworden sind. Verantwortungen hier, Sorgen da. Manch einer kann es kaum erwarten, endlich erwachsen zu sein, als wäre es der Senf auf der Wurst. Und ehe man sich versieht, setzt man Termine fürs Liebe Machen in den Kalender. Natürlich darf man den Ernst des Lebens nicht unterschätzen und muss Verantwortung übernehmen. Aber meine Eltern halten mit ihrer kindlichen Neugierde nicht nur ihre Liebe, sondern auch den Durst nach Leben frisch.

 

3. Solo glücklich = glücklich zu zweit

Auf der einen Seite muss ich bei meinen Eltern an Marshall und Lilly bei „How I met your Mother“ denken, die sich auf der Toilette per SMS über ihren Stuhlgang austauschen. Es gibt keinen Tag, an dem sie nicht zusammen essen, spazieren gehen oder sich austauschen.

Auf der anderen Seite pflegen sie ein gesundes Leben außerhalb dieses Kosmos. Mein Vater spielt Fußball und hängt danach mit Kollegen beim Italiener ab oder besucht seinen Bruder. Der Weiberstammtisch meiner Mutter liefert absurd-lustige Geschichten und spielt eine essenzielle Rolle in ihrem Leben.

Alleine Spaß haben zu können ist also kein Zeichen, dass man kein Bock aufeinander hat, sondern scheint fruchtbar für eine gesunde und erfüllte Beziehung.

4. Listen to me

Wenn du mit jemandem redest, hörst du zu, verinnerlichst du das Gesagte, denkst du darüber nach? Oder wartest du eher darauf, bis du mit deiner Story einlenken kannst, die dir schon die ganze Zeit auf der Zunge brennt? Ich weiß, das klingt wie eine Fangfrage. Es ist auch eine Fangfrage. Jeder erlebt täglich die erste und zweite Art von Gespräch. Aber wenn du jemand bist, der genau hinhört, wird dir klar, wie selten Menschen wirklich hinhören. Die meisten Gespräche fühlen sich an wie ein Ping-Pong-Spiel mit Sprache – man wirft sich die Sätze hin und her und betet, dass man in Führung liegt.

Schon von klein auf haben meine Eltern mir beigebracht, dass es viel wichtiger ist, 1. den anderen zu hören und damit zu sehen, 2. die richtigen Fragen zu stellen und 3. zwischen den Zeilen lesen zu können, als sich selbst ständig reden hören zu müssen. Gut zuzuhören wurde auf diesem Vorbild aufbauend zu meiner Hausaufgabe fürs Leben und eine Charaktereigenschaft von höchstem Wert (eine Fertigkeit, ohne die ich außerdem meine Arbeit gar nicht verrichten könnte). Zuhören, nicht nur in Beziehungen, ist immer von Vorteil.

 

5. Sich nicht zu ernst nehmen

Wann nehme ich mich selbst zu ernst? In Momenten der Unsicherheit. Ich verkrampfe mich auf eine Ansicht oder Eigenschaft, um beständig und selbstbewusst zu erscheinen, was mich nicht nur grundlos anstrengt sondern genau das Gegenteil bewirkt. Wer sich selbst zu ernst nimmt, wirkt auf Dauer anstrengend und lahm. Vor allem in einer Beziehung geht diese Rechnung nicht auf. Meine Eltern haben mir vorgelebt, dass Meinungsunterschiede unabdingbar sind. Der Clue dabei ist es, sich und seine Meinung nicht zu ernst zu nehmen, um die des Partners damit in den Schatten zu stellen. Klar funktioniert das nicht immer reibungslos. Vor allem, wenn man eine Mutter mit Wurzeln eines türkischen Bergvolkes namens Rize hat, deren Frauen für ihre Hartnäckigkeit bekannt sind. Aber nicht selten legen meine Eltern Diskussionen ad acta. Nicht weil sie sich sonst die Köpfe eingeschlagen hätten. Sie sind mittendrin in Lachen ausgebrochen. 

 

6. Fehler nicht immer beim anderen suchen

„Wenn du versuchst, Menschen zu verändern, weil sie sich deiner Ansicht nach falsch verhalten, hast du schon verloren. Die einzige Veränderung, über die du Kontrolle hast, ist die in dir selbst.“ Diese Lektion gaben mir meine Eltern in meinen Teenagerjahren mit auf den Weg – einer Phase, in der ich ausgeprägt Fehler bei anderen Menschen suchte und hart mit meiner Selbstreflexion kämpfte.

Fehler bei anderen zu suchen ist, wie sich vor Sport zu drücken und dann deprimiert zu sein, dass man ganz weich und wellig an den Rändern wird. Es ist nie die Lösung des Problems, die am Ende des Tages in einem selbst liegt.

Die Lektion meiner Eltern lässt mich darüber nachdenken, wie der Austausch zwischen zwei Menschen ein Spiel von Energien darstellt. Gewisse Umgangsweisen haben Prozesse hinter sich. In unangenehmen Situationen versuche ich daher den Fokus von: „Warum reagiert diese Person gerade so scheiße auf mich?“ zu: „Was muss grad los sein, dass sie so reagiert – wird hier gerade projiziert? Oder habe ich mich einfach nur scheiße verhalten?“ zu lenken.

Ändern kannst du nur dich selbst. Wenn du versuchst, Dinge und Personen zu verändern, wirst du auf lange Sicht scheitern. Meine Eltern suchen Fehler nicht bei dem anderen, ehe sie nicht logisch darüber nachgedacht haben, was ihr Anteil bei der Angelegenheit war. Meistens jedenfalls. Natürlich gibt es Tage, an denen der Partner Schuld an allem ist, auch wenn man es selbst verkackt hat. Wir sind schließlich Menschen mit Emotionen und keine Roboter.

 

7. Attraktiv füreinander bleiben

Okay, meine Eltern sind äußerst attraktiv. Sollten mein Bruder und ich nur annähernd die Gene vererbt haben, haben wir uns einen Jackpot für die nächsten Dekaden gesichert. Aber es geht hier nicht um gute Gene. Sie könnten nämlich auch ganz anders aussehen, wenn sie wollten. Beide bemühen sich jeden Tag, gut füreinander auszusehen.

Leider ist, vor allem bei meinen türkischen Landsleuten, die Eheschließung oft ein willkommener Grund, sich gehen zu lassen wie Hefeteig. Attraktivität in einer Beziehung ist ein wichtiger Faktor. Die Wahrscheinlichkeit, dass du Krisen mit deinem Partner überstehen möchtest, ist doch gleich viel höher, wenn du ihn trotz allem noch heiß findest. Oder etwa nicht? Pheromone, mein Freunde. Es sind die Pheromone, die unsere Motivationen antreiben.

Rasante Zeiten müssen nicht vergänglich sein

Eine gesunde und erfüllte Beziehung ist nicht 24/7 gesund und erfüllend. Dunkle Wolken schweben manchmal über unseren Köpfen wie ein Damokles Schwert, das wir tagelang nicht loswerden. Ganz ehrlich; In solchen Momenten wollen wir nicht einmal mit uns selbst zusammen sein. Darum geht es aber nicht. Dieser Blogbeitrag inspirierte mich, weil Beziehungen sich nicht schnelllebig, vergänglich oder wie die Entscheidung zwischen McNuggets oder Pommes anfühlen müssen. Die Zeit bewegt sich rasanter als je zuvor, aber gewisse Grundwerte können in uns verankert bleiben. 7 ganz einfache zum Beispiel. Damit spreche ich ein Dank an meine Eltern für eine Hoffnung aus, die kitschig wie Disney, aber durch Zeugenaussagen bestätigt werden kann.